Stand und Perspektiven
der alternativen Varroabekämpfung![]()
Vom A+plus-Konzept zum AO-Konzept
Im Herbst des vergangenen Jahres ist es, wieder einmal, zu erheblichen Völkerverlusten gekommen, die wohl überwiegend durch übermäßig hohen Varroabefall in Verbindung mit nicht rechtzeitig oder nicht sorgfältig durchgeführter Varroabekämpfung verursacht worden sind. Es reicht nicht aus, wenn man sich in dem Bemühen, die Bienenvölker vor der Varroamilbe zu schützen, allein auf die Anwendung eines bestimmten Mittels beschränkt. Das kann gut gehen. Doch kann es auch schief gehen, zum Beispiel, wenn das Mittel nach jahrelangem Gebrauch keine Wirkung gegen die Varroamilbe mehr zeigt. Auftreten von Wirkstoff resistenten Milben ist vor allem bei „harten“ Varroaziden zu erwarten, besonders dann, wenn sie als Streifen eingesetzt zu einer dauerhaften Kontamination des Wabenwerkes führen. Deshalb war es vorhersehbar, dass Apistan und Bayvarol nicht auf Dauer wirksam sind. Wer diese Mittel immer noch ohne Überprüfung des Ergebnisses anwendet, wird von Völkerverlusten nicht verschont bleiben. Auch Amitraz, das seit vielen Jahren europaweit verwendet wird und wegen seiner einfachen Handhabung (als Streifen oder Aerosol) besonders unter den Berufsimkern viele Anwender findet, zeigt da und dort Schwächen. Hinzu kommt, dass mit den genannten Mitteln wie auch mit Perizin ein Rückstandsproblem verbunden ist. Da ihre Wirkstoffe fettlöslich sind, führt ihre fortdauernde Anwendung zu einer ständig steigenden Belastung des Wachses. Rückstände im Wachs gefährden die Reinheit Honigs. Allein dieses Argument sollte eigentlich ausreichen, um auf den Gebrauch dieser Mittel zu verzichten.
kombinierte Alternativen
Eine Alternative ohne Rückstandsprobleme stellen die organischen Säuren
Ameisensäure, Oxalsäure und Milchsäure dar und, mit Abstrichen,
das Thymol, das seit Herbst 2002 in Deutschland in Form von Apiguard zugelassen
ist. Wer mit diesen Alternativen Erfolg haben will muss etwas mehr tun als nur
behandeln. Er muss mit Überlegung behandeln.
Die Wirkung von Ameisensäure und Thymol ist sehr stark von der Witterung
abhängig. Ein zufriedenstellender Behandlungserfolg kann nur bei ausreichend
hohen Temperaturen erzielt werden. Ameisensäure hat dabei gegenüber
Thymol den Vorteil, dass sie auch in die verdeckelte Brut wirkt und die dort
sitzenden Milben abtötet. Das ist besonders bei starkem Varroabefall im
August von Nutzen, weil der Schädigung der Brut durch die Parasiten sofort,
bei Beginn der Behandlung, ein Ende gesetzt wird.
Die Anwendung von Oxalsäure und Milchsäure ist zwar wenig von der
Witterung abhängig, dafür aber nur bei brutfreien Völkern sinnvoll.
Deshalb kommen beide Säuren in erster Linie im Herbst und Winter zum Einsatz.
Die genannten Einschränkungen für den Gebrauch von Ameisensäure
und Thymol bzw. von Oxalsäure und Milchsäure verlieren an Gewicht,
wenn sie innerhalb eines Bekämpfungskonzeptes Anwendung finden, in dem
ihre Vorzüge durch Kombination der Mittel konsequent genutzt werden. Das
ist zum Beispiel beim „A+plus-Konzept“ der Fall (Liebig, 1999),
das eine zweimalige Behandlung mit 85%iger Ameisensäure in der Medizinflasche
vorsieht, die erste im August vor und die zweite im September nach der Auffütterung.
Eine dritte Behandlung folgt im Spätherbst oder Frühwinter mit Oxalsäure
durch Beträufeln der dann brutfreien Völker oder durch Besprühen
der mit Bienen besetzten Waben (Tab. 1).
Die zeitliche Beschränkung der drei Säurebehandlungen auf den Zeitraum
August bis Dezember und damit weit vor dem Eintrag von Nektar und Honigtau beugt
einer Anreicherung des Honigs mit Ameisensäure und Oxalsäure ausreichend
vor.
Beide Behandlungen mit Ameisensäure, vor allem die erste, haben zum Ziel,
die im Spätsommer und Herbst angelegte Brut vor übermäßig
hohem Varroabefall zu schützen, damit aus ihr gesunde langlebige Winterbienen
entstehen. Die Nachbehandlung mit Oxalsäure dient der sogenannten Restentmilbung.
Mit ihr soll der Varroabefall auf möglichst nahe Null gesenkt werden, damit
vor August des folgenden Jahres kein weiterer Gebrauch von Medikamenten notwendig
ist. Die mehrmalige Entnahme von Drohnenbrut im Frühjahr bzw. ihr Einsatz
als Varroafalle ist in der Regel optional. Sie ist dann empfehlenswert, wenn
die Nutzung einer späten Tracht geplant ist, sodass die erste Behandlung
mit Ameisensäure eventuell erst im September möglich wird.
Wichtiger Bestandteil des A+plus-Konzeptes ist die Gemülldiagnose, mit
der sowohl der natürliche Milbenfall als auch der durch eine Behandlung
ausgelöste Milbenfall erfasst wird. Der natürliche Milbenfall dient
der Abschätzung des Befallsgrades und sollte grundsätzlich vor jeder
Behandlung durchgeführt werden. Die Kenntnis darüber, wie viele Varroamilben
in den Völkern sind, erlaubt ein flexibles und zielgerichtetes (Be-)Handeln.
Wenn der Varroabefall bis August, aus welchen Gründen auch immer, auf viele
Tausend Milben angewachsen ist, muss die erste Behandlung einen
hohen Wirkungsgrad haben, damit die anschließend angelegte Brut unbeschadet
aufgezogen wird, und entsprechend sorgfältig durchgeführt werden.
Unter Umständen ist es bei stark befallenen Völkern besser, der ersten
Behandlung mit Ameisensäure in kurzem Abstand eine zweite folgen zu lassen.
Insgesamt würden solche Völker dann viermal statt dreimal behandelt
werden. Umgekehrt kann auf eine der drei im Konzept vorgesehenen Behandlungen
verzichtet werden, wenn der natürliche Milbenfall einen niedrigen Varroabefall
erkennen lässt. So kommt man bei Jungvölkern in der Regel mit zwei,
manchmal sogar nur mit einer Behandlung aus. Das „Manchmal“ trifft
in der Regel dann zu, wenn die Jungvölker aus brutfreien Begattungsvölkchen
hervorgegangen sind, die bei ihrer Erstellung behandelt wurden (Liebig, 2001).
Bei Altvölkern kann auf die Nachbehandlung mit Oxalsäure verzichtet
werden, wenn der natürliche Milbenfall im November deutlich unter 1 Milbe
pro Tag liegt (vgl. Liebig, 2002b).
Beobachten wichtig
Viele Imker scheuen die Gemülldiagnose,
weil sie angeblich mit viel Aufwand verbunden ist. Mit einem Gitterboden, der
von unten bzw. von hinten mit einer Schublade (Windel) verschlossen werden kann,
wäre leicht Abhilfe geschaffen. Doch fehlt er bei vielen Beutensystemen.
Eine nachträgliche Anschaffung lohnt sich.
Da in der Regel auch bei starkem Varroabefall vor Mitte August keine Gefahr
im Verzug ist, reicht es aus, wenn der natürliche Milbenfall das erste
Mal unmittelbar vor der Spätsommerpflege bzw. als erste Maßnahme
der Spätsommerpflege erfasst wird. Es genügt wenn die Windel über
einen Zeitraum von 1-3 Tagen eingeschoben wird. Wenn pro Tag über 100 Milben
ohne Behandlung fallen, dann sind mehr als 10000 Milben im Volk. Eine Behandlung
mit Ameisensäure, bei der der Gitterboden mit der Schublade verschlossen
wird, hat dann sofort zu erfolgen und ihre Wirkung muss überprüft
werden. Dabei kommt es nicht darauf nicht darauf an, wie viele Milben herunterfallen,
sondern wie viele die Behandlung überlebt haben. Es sollten weniger als
1000 sein. Die überlebenden Milben vermehren sich in der Brut, die während
und nach der Auffütterung aufgezogen wird, was zu einem erneuten Anstieg
des Varroabefalls führt. Zu diesem kann auch der Eintrag von Milben beitragen,
die Räuber aus zusammenbrechenden Völkern mitbringen.
Bei der zweiten Ameisensäurebehandlung, die in der Regel im September nach
der letzten Futtergabe ansteht, muss die Witterung aufmerksam beobachtet werden.
Wenn es zu kühlen Perioden kommt, bei denen die Temperatur am Tag nicht
über 15° ansteigt, muss die Behandlung auf wärmere Tage verschoben
werden. Zeitliche Flexibilität ist auch bei der Restentmilbung mit Oxalsäure
im Spätherbst/Frühwinter notwendig. Unabhängig davon zu welcher
Methode man greift, ob die Oxalsäure als wässrige Lösung auf
die Bienen besetzten Waben versprüht oder, mit Zuckerzusatz, auf die eng
sitzende Wintertraube geträufelt wird (Liebig, 2002b) oder als trockene
Oxalsäure im Unterboden verdampft wird, ein hoher Wirkungsgrad von über
90% wird nur erreicht, wenn die Völker brutfrei sind. Je nach Standort
und Witterungsverlauf kann dieser Zustand bereits im Oktober oder auch erst
im Dezember erreicht werden.
Neue Methode – neues Konzept?
Hinsichtlich der Oxalsäure steht
seit kurzem mit der Tuch- oder Streifenbehandlung eine vierte Behandlungsmethode
zur Verfügung, die allerdings noch nicht ausgereift ist, auch wenn bereits
im vergangenen Jahr „Bienenwohl Knabba-Streifen“ auf dem Markt angeboten
wurden. Der Werbeslogan „Ameisensäure ade“ erwies sich leider
als nicht zutreffend; denn bei Behandlungen im August und September zeigten
die Knabba-Streifen wenig oder gar keine Wirkung. Bei der Prüfung von „OSINAL“-Tüchern
während der Brutperiode wurde eine zufriedenstellende Wirkung nur im zeitigen
Frühjahr und im Herbst erreicht. Entgegen der aus den Kästchenversuchen
(Liebig, 2002a) gezogenen Schlussfolgerung wirken die Tücher nicht, wenn
sie staubtrocken sind. Diesen Zustand erreichen die aufgelegten Tücher
sehr rasch bei Völkern mit großen Brutnestern und bei warmer Witterung
und bleiben dann wirkungslos. Im Herbst dagegen, entweder weil es kühler
ist oder weil die Völker schwächer sind und weniger brüten, hält
die Stockfeuchte die Tücher feucht und die Oxalsäure bleibt wirksam.
In im Herbst 2002 durchgeführten Versuchen konnte durch Auflegen von feuchten
Tüchern eine deutlich bessere Wirkung erzielt werden als mit staubtrockenen
Tüchern.
Die Feuchtigkeit und damit die Wirkung der Tücher kann auch durch Beimischen
eines geeigneten Additivs gehalten bzw. verbessert werden. Diese veränderte
Formulierung von OSINAL (zu „OSINALplus“, das Rezept wird Anfang
September 2003 an dieser Stelle veröffentlicht) wurde bisher nur im September
und Oktober getestet, zeigte aber eine sehr gute und lang anhaltende Wirkung.
Es scheint möglich, dass diese einfache Behandlung nicht nur die zweite
Ameisensäurebehandlung nach der Auffütterung ersetzen kann, sondern
auch die Nachbehandlung mit Oxalsäure im Spätherbst/Frühwinter
überflüssig macht (Tab. 2). Damit würden zwei Schwachpunkte des
bisherigen Konzeptes beseitigt: die Witterungsabhängigkeit der Ameisensäurebehandlung
im September und das Abwarten der Brutfreiheit. Anwendung und Wirkung von OSINALplus
im Herbst sind weitgehend unabhängig von der Witterung und setzen keine
Brutfreiheit voraus. Statt drei Eingriffen (Einsetzen und Wegräumen der
Medizinflasche, Beträufeln der Wintertraube mit Oxalsäure) wären
nur noch zwei Eingriffe notwendig: das Auf- oder Einlegen der oxalsäurehaltigen
Tücher bei oder nach der letzten Futtergabe im September und das Entfernen
ihrer Reste bei der Frühjahrsnachschau. Mit dieser Veränderung erhält
die Oxalsäure im Bekämpfungskonzept einen höheren Stellenwert:
aus dem A+plus-Konzept wird ein „AO-Konzept“.
In weiteren Versuchen werden wir prüfen, ob die Tuch- oder Streifenbehandlung
mit Oxalsäure auch die erste Ameisensäurebehandlung der Altvölker
vor der Auffütterung ersetzen kann. Insbesondere wäre für die
Sanierung von stark befallenen Völkern eine rasche „Tiefenwirkung“
(vgl. Liebig, 2002a) notwendig, damit unmittelbar nach Einlegen des Tuches möglichst
alle auf den Bienen sitzenden und die mit dem Schlupf der befallenen Brut freigesetzten
Milben abgetötet werden. Nach den in 2002 gemachten Erfahrungen dürfte
es sehr schwierig sein, dieses Ziel zu erreichen.
Wenn die kombinierte Behandlung nach dem AO-Konzept die Anforderungen hinsichtlich
Anwenderschutz, Rückstandsproblematik und Bienenverträglichkeit erfüllt,
stünde dem Imker ein Instrumentarium zur Verfügung, das die Varroabekämpfung
der Bienenvölker wesentlich erleichtert. Dann fehlt nur noch die rechtliche
Zulassung.
Dr. Gerhard Liebig
Liebig (1999): Das A+plus-Konzept – In die Völkerführung integrierte
Varroabekämpfung ohne Rückstände, 15 S., Beilage zum Deutschen
Bienen Journal 5.
Liebig (2000): Völker vermehren – leicht gemacht, Bildung von Jungvölkern in vier Schritten, Deutsches Bienen Journal 5, 4-7.
Liebig (2002a): Varroabekämpfung mit OSINAL – Behandlung mit oxalsäurehaltigen Tüchern vielversprechend, Deutsches Bienen Journal 7, 12-14.
Liebig (2002b): Restentmilbung ohne Rückstände – Worauf Sie beim Träufeln von Oxalsäure achten müssen, Deutsches Bienen Journal 11, 7.
Tab. 1: Das alte A+plus-Konzept auf einem Blick. TV= Tellerverdunster, LD= Liebig-Dispenser, MoT= Medizinflasche ohne Teller.
Zeitraum |
Maßnahme |
Zielsetzung |
wie? |
| August | Gemülldiagnose | Beurteilung des Varroabefalls | |
| 1. Behandlung mit Ameisensäure | Schutz der Winterbienenbrut bzw. der Winterbienen vor übermäßig hohem Varroabefall | 85%ige Ameisensäure in der Medizinflasche als TVkurz (LDkurz) oder MoT | |
| September | 2. Behandlung mit Ameisensäure | TVlang (LDlang) oder MoT | |
| November/Dezember | Gemülldiagnose | Beurteilung des Varroabefalls | |
| 3. Behandlung mit Oxalsäure | Restentmilbung | Träufeln mit 3,5%iger zuckriger Oxalsäurelösung |
Tab. 2: Die neue AO-Konzept auf einem Blick. Es kommt mit einer Behandlung weniger aus. Die zweite Behandlung ist weniger witterungsabhängig. Außerdem muss nicht gewartet werden, bis die Völker brutfrei sind. Das vereinfacht die Varroabekämpfung.
| Zeitraum | Maßnahme | Zielsetzung | wie? |
| August | Gemülldiagnose | Beurteilung des Varroabefalls | |
| 1. Behandlung mit Ameisensäure | Schutz der Winterbienenbrut bzw. der Winterbienen vor übermäßig hohem Varroabefall | 85%ige Ameisensäure in der Medizinflasche als TVkurz (LDkurz) oder MoT | |
| September / Oktober | Gemülldiagnose | Beurteilung des Varroabefalls | |
| 2. Behandlung mit Oxalsäure | Restentmilbung | Auf- oder Einlegen von OSINALplus-Tüchern |