Macht ein Absperrgitter Honig „schlechter“? Kritischer Blick auf eine aktuelle Demeter-nahe Studie
Kurzfassung: Eine neue, dem biodynamischen Umfeld nahestehende Studie behauptet, Absperrgitter könnten die „Honigqualität“ beeinflussen. In klassischen Honigparametern zeigt sich jedoch kaum ein Effekt. Auffällige Unterschiede entstehen vor allem über „bildschaffende Methoden“ (Kupferchlorid-Kristallisation, Kapillardynamolyse) und den Empathic Food Test (EFT). Wir ordnen ein, was daraus wissenschaftlich ableitbar ist – und was nicht.
Absperrgitter und Honigqualität: Was Bundschuh et al. behaupten – und was wissenschaftlich daran hakt
Absperrgitter gehören zu den typischen Reizthemen in der Imkerei. Viele nutzen sie routiniert, weil sie Brut im Honigraum vermeiden und die Honigernte vereinfachen. Andere empfinden sie als unnötigen Eingriff: Der Honigraum werde schlechter angenommen, das Volk werde in seiner Entwicklung „gebremst“ oder der Honig sei am Ende weniger „gut“. Genau in dieses Spannungsfeld passt eine aktuelle Studie (Bundschuh et al. 2026) aus dem biodynamischen Kontext, die nahelegt, Absperrgitter könnten Honigqualität beeinflussen.[1]
Für die Einordnung ist wichtig, aus welchem Umfeld diese Arbeit stammt: In der biodynamischen Wertschöpfung spielt der Forschungsring für biologisch-dynamische Landwirtschaft eine zentrale Rolle. Er versteht sich als zentrales Forschungsinstitut der biologisch-dynamischen Bewegung und arbeitet eng mit Demeter zusammen – auch im Bereich Lebensmittelqualität und Qualitätssicherung.[2]
Das ist keine Wertung, sondern Kontext: Wenn eine Studie aus einem Umfeld stammt, das eigene Qualitätskonzepte pflegt, muss man besonders sauber trennen zwischen analytischer Qualität (Messwerte) und ganzheitlich-konzeptioneller Qualität (Interpretationen, Musterbilder, emotionale Wirkung). Genau diese Trennung ist hier entscheidend.
Was die Studie untersucht hat
Die Autor:innen analysierten Honige aus sieben biodynamischen Betrieben in Deutschland über zwei Jahre (2018/2019). Innerhalb jedes Betriebs wurden Honige aus Völkern mit Absperrgitter (QE) und ohne Absperrgitter (NQE) paarweise verglichen. Teilweise handelte es sich um Mischproben mehrerer Völker, teils um Einzelvölker; je nach Betrieb um Früh- oder Sommertracht.[1]

Praxis bei der Honigernte: unterschiedliche Trachten und Betriebsdetails erschweren eindeutige Kausalinterpretationen.
Das Design ist praxisnah, aber es hat viele mögliche Störfaktoren: Tracht, Schleuderzeitpunkt, Wabenalter, Honigraumführung, Lagerbedingungen – all das variiert betrieblich und kann Honigparameter verändern. Man kann deshalb in erster Linie sagen: Unter realen Bedingungen zeigen sich bestimmte Muster (oder auch nicht). Starke kausale Aussagen im Sinne von „das Absperrgitter verursacht X“ sind in so einer Anlage grundsätzlich schwerer, weil viele Effekte miteinander vermischt sein können.[1]
Die klassischen Qualitätswerte: kaum ein Argument gegen Absperrgitter
Gemessen wurden u. a. Wassergehalt, Diastase und antioxidative Kapazität. Das Ergebnis ist bemerkenswert unspektakulär: Diastase und antioxidative Kapazität unterscheiden sich nicht zwischen QE und NQE; beim Wassergehalt gibt es nur eine schwache Tendenz in einem Jahr, die statistisch nicht signifikant ist. Auch die Sensorik trennt die Gruppen nicht sauber oder konsistent.[1]
Wenn man unter „Honigqualität“ also das versteht, was man sonst auch prüft und wofür Qualitätskontrolle, Honigverordnung und gute imkerliche Praxis stehen, dann liefert die Arbeit keinen starken Beleg, dass das Absperrgitter den Honig messbar verschlechtert.[1]
Wo die Studie Unterschiede findet: Musterbilder und „Food-Induced Emotions“
1) Bildschaffende Methoden: Kupferchlorid-Kristallisation & Kapillardynamolyse
Die auffälligste Trennung entsteht über sogenannte bildschaffende Methoden. Bei der Kupferchlorid-Kristallisation wird eine Probe (hier Honiglösung) einer Kupferchloridlösung zugesetzt und unter kontrollierten Klimabedingungen auf einer Glasplatte kristallisiert. Bei der Kapillardynamolyse (Steigbild) wandert eine Lösung kapillar durch Papier und bildet Zonen und Verläufe. Ziel ist nicht die Messung einzelner Inhaltsstoffe, sondern die Sichtbarmachung von „Ganzheitseigenschaften“ wie Reife, Ordnung oder Abbauprozessen.[1]
- Bsp. Bild einer Kupferchlorid-Kristallisation (c) Uni Kassel
- verschiedener
- Möhren Variationen (c) Uni Kassel
In der Studie wurden diese Verfahren doppelblind durchgeführt, und die Zuordnung „mit vs. ohne Absperrgitter“ gelang erstaunlich häufig korrekt.[1] Der entscheidende wissenschaftliche Punkt ist jedoch: Eine Methode kann Proben unterscheiden, ohne dass klar ist, was sie unterscheidet. Diskriminationsleistung ist nicht gleich Qualitätsaussage.
Ein hilfreicher Kontrast ist die öffentliche Einordnung der Kupferchlorid-Kristallisation: Der Wikipedia-Artikel dazu beschreibt sie als anthroposophisches Verfahren zur Qualitätsbegutachtung, außerhalb dieses Kontextes sei es nicht gebräuchlich und wissenschaftlich nicht anerkannt; außerdem wird Kritik an Reproduzierbarkeit und Analogieschlüssen erwähnt.[3] Für die Interpretation heißt das: Selbst wenn sich Musterbilder konsistent „unterscheiden“, bleibt ohne unabhängige Analytik offen, wodurch die Unterschiede verursacht werden.
2) Empathic Food Test (EFT): misst er „Qualität“ oder vor allem Befindlichkeit?
Der zweite Pfeiler ist der Empathic Food Test (EFT) nach Geier et al. (2016).[4] Der EFT ist ein standardisierter Selbstbericht-Fragebogen mit sogenannten bipolaren Adjektivpaaren, also gegensätzlichen Begriffen, zwischen denen die Teilnehmenden ihre Empfindung einordnen. Typische Beispiele sind etwa ruhig – unruhig, gesammelt – zerstreut, klar – dumpf oder angenehm – unangenehm. Die Bewertung erfolgt unmittelbar nach dem Essen oder Trinken der Probe.

Der EFT erfasst subjektive Zustände nach dem Essen/Trinken – stark abhängig von Kontext und Aufmerksamkeit (c) Forschungsring e.V.
Wissenschaftlich besonders relevant ist ein Bestandteil, der in der öffentlichen Diskussion oft untergeht: Vor der Bewertung wird ein sog. Body-Scan eingesetzt, angelehnt an Achtsamkeitspraktiken.[4] Das ist kein neutraler Schritt, sondern kann Aufmerksamkeit, Körperwahrnehmung und Entspannung verändern. Wenn anschließend Unterschiede zwischen Lebensmitteln gefunden werden, ist schwer zu trennen, ob man Effekte des Produkts misst oder Effekte eines veränderten Wahrnehmungsmodus – oder deren Zusammenspiel.
Geier et al. zeigen vor allem, dass der EFT Probenpaare teilweise unterscheiden kann. Eine starke Validierung im Sinne von „misst objektiv Lebensmittelqualität“ ist das jedoch nicht: Dafür fehlen robuste externe Kriterien (z. B. physiologische Marker, Verhalten oder klare Korrelationen mit Analytik).[4] Wenn die Absperrgitter-Studie berichtet, Honig ohne Absperrgitter löse „positivere“ EFT-Werte aus, ist das daher zuerst eine Aussage über Selbstberichte in einem spezifischen Bewertungssetting – nicht automatisch über analytische Honigqualität.[1]
Der Kernkonflikt: „Honigqualität“ wird neu gefasst
Die Studie arbeitet praktisch mit zwei Qualitätsbegriffen, ohne sie konsequent auseinanderzuhalten: analytische Qualität (Messwerte) und ganzheitlich-emotionale bzw. gestaltbasierte Qualität (EFT/IFM). Man darf Qualität weiter fassen – aber man muss es transparent machen. Sonst entsteht bei Laien schnell der Eindruck: Absperrgitter machen Honig schlechter. Genau diese starke Alltagsaussage wird durch die klassischen Daten nicht getragen.[1]
Ein bodenständiger Praxis-Kontrast: Hohenheim
Ein hilfreicher Kontrast kommt aus der Hohenheimer Tradition. Dort wird Kritik am Absperrgitter zwar beschrieben, zugleich aber betont, dass systematische Vergleiche zentrale Leistungsparameter nicht zwingend als nachteilig belegen – der „bessere Eindruck“ ohne Gitter kann täuschen.[5] In der Modernen Hohenheimer Betriebsweise erscheint das Absperrgitter insgesamt pragmatisch als ein Management-Baustein unter vielen.[6]
Was wäre ein wirklich überzeugender Test?
Wer die Frage naturwissenschaftlich sauber beantworten will, bräuchte ein deutlich strengeres Studiendesign: gleiche Tracht, gleiche Erntezeitpunkte, gleiche Verarbeitung, gleiche Lagerung, randomisierte Zuteilung „mit/ohne Gitter“ auf Volksebene. Dazu eine robuste Analytik (Wassergehalt und Wasseraktivität, Hefen/Gärpotenzial, HMF, Invertase/Diastase, Zuckerprofile, VOC/Sensorik blind). Erst dann ließe sich prüfen, ob EFT/IFM zusätzlich etwas erklären – oder ob sie vor allem eine andere, stärker interpretative Beschreibungsebene liefern.
Fazit
Wenn Sie Absperrgitter nutzen: In klassischen Parametern gibt es keinen überzeugenden Hinweis auf einen Qualitätsverlust.[1]
Wenn Sie Absperrgitter ablehnen: Die Arbeit liefert eine interessante Perspektive – aber keine harte Evidenz, dass Honig dadurch im analytischen Sinn „schlechter“ wird. Die stärksten Unterschiede entstehen über Methoden, deren Interpretation außerhalb ihres Herkunftskontexts umstritten ist (IFM) oder stark vom Bewertungssetting und Selbstbericht abhängt (EFT).[1][4]
Unterm Strich zeigt die Studie von Bundschuh et al. vor allem eines: Man kann Honige mit diesen Verfahren sortieren. Was diese Sortierung im Sinne von „Honigqualität“ bedeutet – und ob das Absperrgitter die Ursache ist – bleibt offen. Wer hier klare Aussagen treffen will, braucht stärkere, besser kontrollierte Daten.
Einzelnachweise
- Studie zum Absperrgitter im biodynamischen Kontext (2026): Influence of queen excluders on honey quality assessed by classical parameters, food-induced emotions and image-forming methods. (Link). ↩
- Forschungsring e.V. /Demeter-Kontext: Beschreibung zur Qualitätssicherung und Verbreitung der Demeter-Qualität sowie Selbstdarstellung des Forschungsrings („zentrales Forschungsinstitut“, enge Zusammenarbeit mit Demeter). (Link). ↩
- Wikipedia (Stand: 24.01.2024): Kupferchloridkristallisation. (Link). ↩
- Geier, U., et al. (2016): Development and Application of a Test for Food-Induced Emotions. PLOS ONE. (Link). ↩
- Gesellschaft der Freunde der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim (Hrsg.) (2004): Festschrift zum 40-jährigen Bestehen. (Link). ↩
- Moderne Hohenheimer Betriebsweise. (Link). ↩

Vielen Dank für die sachliche Einordung des Demeter/Anthroposophischen Kontextes.
Ich hätte eine einfache Einteilung pro/kontra Absperrgitter: Wenn Bienen ein Gitter benötigen, hätten sie eines gebaut. Will sagen, es ist für den Imker da, die Bienen würden es ablehnen.
Ich selbst nutze Absperrgitter. Als Verein Freie Bienen wollen wir irgendwann drauf verzichten, bevor es in die Wiederansiedlung einer wilden Honigbienenpopulation geht.
Lieber Bernd, vielen Dank für Ihren differenzierten Kommentar.
Deine Argumentation („Wenn Bienen ein Gitter bräuchten, hätten sie eines gebaut“) ist aus einer naturphilosophischen Perspektive absolut nachvollziehbar – und trifft den Kern vieler imkerlicher Grundsatzdiskussionen: Was ist Bienen-gerecht, was ist menschliche Vereinfachung?
Aus biologischer Sicht bauen Honigbienen allerdings nur das, was sie für ihre eigene Organisation unmittelbar benötigen: Waben für Brut und Vorräte, Abstände (bee space), thermische Struktur usw. Ein Absperrgitter ist kein funktionales Element für das Volk selbst, sondern ein Managementwerkzeug für den Imker, um Brut vom Honigraum zu trennen. Dass Bienen dafür kein eigenes „Bauteil“ entwickeln, heißt daher nicht zwangsläufig, dass sie es „ablehnen“, sondern zunächst nur, dass es kein Bestandteil ihres natürlichen Nestdesigns ist.
Genau deshalb war mir in dem Beitrag wichtig, zwei Ebenen zu trennen:
(1) die ethisch-imkerliche Frage, wie weit wir in das System eingreifen wollen, und
(2) die naturwissenschaftliche Frage, ob ein Absperrgitter messbare Effekte auf Honig oder Volk hat.
Das aktuelle Paper adressiert vor allem (2), liefert dafür aber – wie ich darlege – nur begrenzt belastbare Evidenz.
Ihre Perspektive der „Freien Bienen“ und der langfristigen Wiederannäherung an eine wildlebende Honigbienenpopulation ist ein spannender und legitimer Ansatz. Er bewegt sich jedoch auf einer anderen Ebene als die Qualitäts- oder Wirkungsanalyse einzelner imkerlicher Werkzeuge. Beides muss man meines Erachtens sauber auseinanderhalten, um weder ideologisch noch technisch verkürzt zu argumentieren.
Kurz gesagt: Das Absperrgitter ist kein „natürliches“ Bauteil – aber aus den bisher vorliegenden Daten ergibt sich auch kein klarer Beleg dafür, dass es Honig oder Völker objektiv schädigt. Wie weit man trotzdem darauf verzichten möchte, bleibt letztlich eine Frage der imkerlichen Haltung.
Viele Grüße
Richard
Mich freute es diese differenzierte Darstellung zu lesen. Weiter so. lg