Schmutzwasser-Mythos: Trinken Honigbienen wirklich lieber „dreckiges“ Wasser?

Kurzfassung:
Honigbienen werden oft an Pfützen, Gülleflecken oder grünlichem Wasser beobachtet. Daraus entstand die weit verbreitete Annahme, Bienen würden Schmutzwasser besonders mögen. Eine neue wissenschaftliche Studie aus der Fachzeitschrift Apidologie (2025) hat diese Frage erstmals gezielt aufgegriffen – mit echter Auswahl zwischen verschiedenen Wasserqualitäten. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Wenn Honigbienen wählen können, bevorzugen sie sauberes, schwach mineralisiertes Wasser. Wir ordnen ein, was das für gängige Aussagen aus Blogs, Foren und politischen Texten bedeutet – und was Imker daraus praktisch ableiten können.

Was ist dran am Mythos?

Ob Algen-Schlick, güllegewürzte Pfützen oder abgestandenes Wasser in Regentonnen – viele Imker kennen das Bild: Honigbienen sammeln Wasser an Stellen, die aus menschlicher Sicht alles andere als einladend wirken. In Blogs und Foren wird daraus häufig geschlossen, Bienen würden genau dieses Schmutzwasser bevorzugen.[2][3]
Doch Beobachtung ist nicht gleich Vorliebe. Genau hier setzt eine neue Studie an, die dieses Alltagswissen erstmals systematisch überprüft hat.[1]

Neue Studie zur Wasserwahl von Honigbienen

Le Bivic und Kolleg:innen haben 2025 in der Fachzeitschrift Apidologie eine Studie veröffentlicht, die eine einfache, aber bisher kaum geprüfte Frage stellt: Mögen Honigbienen wirklich Schmutzwasser – oder nehmen sie es nur, wenn nichts anderes verfügbar ist?[1]

Der entscheidende Punkt: Den Bienen wurde nicht nur eine einzige Wasserquelle angeboten, sondern mehrere gleichzeitig – von sehr sauber bis deutlich belastet. So ließ sich erstmals messen, was Bienen tatsächlich bevorzugen, wenn sie eine Wahl haben.

Warum Bienen überhaupt Wasser holen

Wasser ist für ein Bienenvolk unverzichtbar. Es wird benötigt für:

  • die Kühlung des Stocks an heißen Tagen,
  • die Feuchtigkeitsregulierung im Brutnest,
  • die Produktion von Futtersaft bei Ammenbienen,
  • das Verdünnen von Honig und Zuckerfutter.

Wassersammlerinnen sind dabei ausgesprochen pragmatisch. Wenn der Bedarf hoch ist und nur wenige Quellen erreichbar sind, wird genommen, was da ist. Genau daraus entstehen viele der Beobachtungen, die später als „Vorliebe für Schmutzwasser“ interpretiert werden.

Was die Studie zeigt

Die Ergebnisse der Studie sind überraschend klar:

(1) Sauberes Wasser wird bevorzugt.
Am häufigsten flogen die Bienen destilliertes und schwach mineralisiertes Wasser an. Mit zunehmender Mineralisierung nahm die Attraktivität deutlich ab.[1]

(2) Schmutzwasser mit Gülle nur stark verdünnt.
Güllemischungen wurden nur dann angenommen, wenn sie extrem stark verdünnt waren. Höhere Konzentrationen wurden klar gemieden. Ein echtes „Lieblingsgetränk“ ist Schmutzwasser also nicht.[1]

(3) Hitze ändert nichts an der Rangfolge.
Bei hohen Temperaturen flogen mehr Bienen Wasser holen – aber die Reihenfolge blieb gleich: Sauber vor schmutzig.[1]

Was bedeutet das für Aussagen aus Blogs und Foren?

„Algen-Schlick ist ein Lieblingscocktail“

Solche Aussagen sind verständlich, wenn man häufig Bienen an grünem Wasser sieht. Die Studie legt aber nahe: Diese Stellen sind oft warm, gut erreichbar oder auffällig – nicht deshalb beliebt, weil sie schmutzig sind.[2]

„Nicht zu sauber, mineralisch angereichert“

Diese Faustregel aus Imkerforen wird durch die neuen Daten relativiert. Leicht mineralisiertes Wasser ist kein Problem – stark mineralisches oder stark organisch belastetes Schmutzwasser dagegen schon.[3]

„Gülleausbringung macht den Honig automatisch problematisch“

Die Studie ist keine Honiganalytik. Sie zeigt aber etwas Praktisches: Wer Bienen früh und zuverlässig sauberes Wasser anbietet, senkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie überhaupt auf belastete Wasserstellen ausweichen.[4]

Was heißt das ganz konkret für die Praxis?

  • Wasserstellen früh im Jahr anbieten – Bienen lernen Wasserquellen und nutzen sie später bevorzugt.
  • Flache, sichere Landemöglichkeiten bzw. Schwimmhilfen schaffen.
  • Sonnigen, windgeschützten Standort wählen.
  • Regelmäßig sauberes Wasser nachfüllen.
  • Kein Schmutzwasser „extra attraktiv“ machen.

Wer sich die Mühe nicht machen möchte, sieht hier im Video auch, dass es nicht zwangsläufig notwendig ist, eigene Wasserstellen anzubieten. Der Beobachtung der Wassersammlerinnen wegen kann es aber allemal eine Überlegung wert sein.

Fazit

Honigbienen trinken manchmal Schmutzwasser – aber nicht, weil sie es bevorzugen. Die neue Studie zeigt klar: Wenn sie wählen können, greifen sie auf sauberes, schwach mineralisiertes Wasser zurück. Für Imker stellt eine gut erreichbare Wasserstelle keine zwingende Notwendigkeit dar, kann aber unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sein.[1]


Einzelnachweise

  1. Le Bivic, P., Alaux, C., Domalain, J. et al. (2025). Study of honey bee (Apis mellifera) water preferences: do bees really like dirty water? Apidologie, 56, 99. doi:10.1007/s13592-025-01219-3
  2. honig-und-bienen.de (2022). Bienen haben Durst!. Link
  3. imkerforum.de (2008). Thread „Gülle“. Link
  4. sonnenseite.com (2012). Gülleausbringung auf von Bienen besuchte Flächen ist Nektar-Sondermüll. Link

Lesen Sie auch:

Richard Odemer

Richard ist passionierter Imker und Bienenwissenschaftler. Seit vielen Jahren verbindet er praktische Imkerei mit moderner Forschung zu Bienengesundheit und Volksentwicklung am Julius Kühn-Institut. In seiner Freizeit betreut er seine eigenen Bienenvölker und produziert regionalen Honig.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

6 Antworten

  1. Alexander Geis sagt:

    Ich nehme mehrere flache Kübeluntersetzer von 50 bis 60 cm Durchmesser verteilt im Garten an sonnigen Plätzen, Schwimmhilfen, und sauberes Regenwasser aus der Tonne. Schon mal weil das „alte“ Neubaugebiet mit Pools keine 100 m Luftlinie entfernt ist und das neue Baugebiet direkt an mein Grundstück anschließt. Den Bienen muss man es so einfach wie möglich machen. Und mit stressfrei.

    • Vielen Dank für den praxisnahen Erfahrungsbericht!
      Genau diese Kombination aus gut erreichbaren, sonnigen Wasserstellen, flachen Gefäßen und sicheren Landemöglichkeiten entspricht sehr gut dem, was wir auch aus der Studie ableiten können: Bienen nehmen bevorzugt das an, was leicht zugänglich, warm und verlässlich verfügbar ist.

      Gerade in Neubaugebieten mit Pools oder glatten Wasserflächen ist es aus imkerlicher Sicht sinnvoll, den Bienen frühzeitig eine attraktive Alternative anzubieten – nicht nur „für die Bienen“, sondern auch zur Konfliktvermeidung mit Nachbarn. Dass du das Stichwort stressfrei erwähnst, trifft es dabei sehr gut.

  2. Heike Korpien sagt:

    Gerne hätte ich Ihnen zum Thema Ihres Artikels ein kleines Video vom 13.01.26 beigefügt.
    Bei Mittagstemperaturen von 11° C saugten die Bienen warmes Regenwasser von der Motorhaube und von den von der Sonne gewärmten Oberflächen meines Autos auf, welches ca. 25 m vom Bienenstand entfernt stand. In geringerer Entfernung steht ein großer Angelteich als „Tränke“ zur Verfügung. Mit einer Wassertemperatur von < 5° C war er für die Bienen wohl deutlich weniger attraktiv als "Auto-Thermalwasser".

    • Vielen Dank für diese sehr schöne Beobachtung – die passt inhaltlich perfekt zum Artikel.
      Das Beispiel mit dem Auto zeigt eindrucksvoll, dass Temperatur und Oberflächenbeschaffenheit für die Wasserwahl oft entscheidender sind als die reine Nähe zur Quelle. Ein kalter, großer Teich kann trotz besserer „Wasserqualität“ schlicht unattraktiv sein, wenn wärmere, gut landbare Alternativen verfügbar sind.

      Solche Situationen erklären auch viele Alltagsbeobachtungen an vermeintlich „ungewöhnlichen“ Wasserstellen. Sie sprechen nicht für eine Vorliebe für Schmutz, sondern für eine pragmatische Entscheidung der Wassersammlerinnen unter den gegebenen Bedingungen.

  3. Peter Falk sagt:

    Der Mythos vom Mythos
    Ich stelle immer wieder fest, sowohl als auch. Wir leben auf einem Bauernhof mit Vieh und Bienen. Vor allem im Frühjahr sind die Bienen regelmässig beim Misthaufen anzutreffen. Das obwohl überall kleine Wasserstellen sind. Nicht die Masse der Bienen verkehrt beim Mistsaft. Die meisten Wassersammlerinnen bevorzug sauberes Wasser gleichzeitig.
    Die Hinweise, wie Wasserstellen beschaffen sein müssen, sind sehr hilfreich. Danke dafür. Wie im Artikel schon erwähnt, ist eine dauernde Pflege der Bienentränke unerlässlich. Sonst lieber keine! Wir beachten, dass in der Nähe unserer Bienenstände immer eine natürliche Wasserquelle ist. Die darf auch in sehr trockenen Zeiten nicht versiegen!

    • Vielen Dank für Ihren differenzierten Praxisbericht. Das von Ihnen beschriebene „sowohl als auch“ passt sehr gut zu den Ergebnissen der Studie: Einzelne Bienen nutzen auch Mistsaft, während die Mehrheit der Wassersammlerinnen gleichzeitig saubere Wasserquellen bevorzugt.

      Gerade im Frühjahr spielen offenbar mehrere Faktoren wie Temperatur, Erreichbarkeit und Gewöhnung eine Rolle, was schnell als „Vorliebe“ missverstanden wird. Ihren Hinweis zur Pflege von Bienentränken finde ich besonders wichtig – eine schlecht gewartete Tränke kann tatsächlich mehr schaden als nützen. Der Fokus auf eine verlässliche natürliche Wasserquelle in Standnähe ist daher absolut sinnvoll.

      Vielen Dank für die Rückmeldung und die praxisnahe Ergänzung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert