Das neue Bienenjahr beginnt

Dr. Liebig macht eine Gemülldiagnose

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In Kürze:

  • Die Sommertracht ist vorbei.
  • Bei der Honigernte und bei der Fütterung von Jungvölkern keine Räuberei auslösen!
  • Mit Gemülldiagnosen den Varroabefall von Alt- und Jungvölkern im Auge behalten.
  • Wirtschaftsvölker eventuell nach dem Konzept „Teilen und behandeln“ führen.

Anfang Juli ist an „Rhein und Ruhr“ mit der Lindenblüte auch die Sommertracht zu Ende gegangen (Abb. 1). Wie jedes Jahr schwanken die Erträge zwischen wenig und viel. An den guten Standorten haben die Völker während der Sommertracht zwei Zargen mit Honig gefüllt, da und dort haben die besten Völker gegen Ende Juni eine dritte Honigraumzarge erhalten, wenn auch diese dritte Zarge nicht mehr komplett mit Honig gefüllt wurde.

Abb. 1 Der Trachtverlauf in 2020 bis zum 23. Juli. Quelle: https://dlr-web-daten1.aspdienste.de/cgi-bin/tdsa/tdsa_client.pl.  Die Waage 1276 steht am Bienenmuseum Duisburg, das  Waagstockvolk wird vom Verfasser betreut. Waage 1276 ist eine der 54-59 Waagen, mit denen in Nordrhein-Westfalen, bzw. eine der 18-20 Waagen, mit denen im Regierungsbezirk Düsseldorf der Trachtverlauf verfolgt wird. In Rheinland-Pfalz sind 145-148 Waagen im Einsatz, von denen 6 Waagen in der Vulkan-Eifel  stehen.  Dort zeigen die Waagen auch im Juli noch Zunahmen, eventuell bedingt durch eine Honigtautracht?

Auch für den Sommerhonig gilt: Nur reifen Honig ernten. Dieses Ziel ist leicht(er) zu verwirklichen, wenn man (1.) erst nach Trachtende und (2.) unmittelbar nach einem Regentag zu Besen oder Bienenflucht greift und die Honigernte (3.) bei trockenem Wetter an einem frühen Vormittag vornimmt. Wenn am Vortag oder an den Vortagen wegen Regen kein Nektar (oder Honigtau) eingetragen worden ist, kann auch der noch nicht verdeckelte Honig geerntet werden. Er ist dann häufig trockener als der verdeckelte Honig. Dennoch sollte seine Reife (4.) mit der Spritzprobe überprüft werden.

Nach Einlegen der Bienenflucht am frühen Vormittag kann der Honigraum am Abend des nächsten Tages nahezu bienenfrei abgehoben werden. Die Bienenflucht funktioniert nur, wenn mit Absperrgitter geimkert wird und im Honigraum keine Brut ist/war.

Räuberei vermeiden

Bei der Honigernte mit Stockmeisel und Besen werden häufig Honigwaben beschädigt. Das kann wie das Ersetzen der entnommenen vollen Honigwaben durch leere geschleuderte Waben Suchflüge und in Folge Räuberei auslösen. Besonders gefährdet sind die noch schwachen Jungvölker. Deren Fluglöcher sind weiterhin eng zu halten, auch wenn sie gewachsen sind bzw. noch am Wachsen sind.

Bei den Jungvölkern muss auf die Futterversorgung (!) und auf rechtzeitige Erweiterung (mit Mittelwänden) geachtet werden. Bis Ende August sollte ein Jungvolk 10 Waben haben, auch wenn es dann „nur“ auf 6 Waben sitzt. Bis es soweit ist wird literweise „von der Seite“, weit weg vom eingeengten Flugloch, gefüttert. Als Futtergefäß dient ein „Tetra Pak“, eine passend gestutzte Plastikflasche oder eine Futtertasche. Schwimm- und Aufstieghilfe nicht vergessen!
Und: Am besten immer nur abends Futter geben.

Varroabefall überprüfen

Es gibt verschiedene Methoden, um den Varroabefall von Bienenvölkern zu beurteilen. Die Methode mit dem geringsten Aufwand ist die Gemülldiagnose. Sie liefert ausreichend zuverlässige Hinweise, wie es um den Varroabefall eines Bienenvolkes bestellt ist. Das Volk muss dazu auf einem Gitterboden sitzen, in den man von hinten –ohne Störung des Volkes– eine Windel einschiebt.  Gitterboden und Windel werden auch gebraucht, wenn es darum geht, den durch eine Behandlung ausgelösten Milbenfall zu erfassen.

Die ideale Windel ist aus Plastik, glatt und weiß und sie hat einen Rand, sodass die leichten Milben beim Ziehen der Windel nicht vom Winde verweht werden, der nicht nur hier im Westen des Öfteren kräftig bläst. Bei windigem Wetter decke ich die gezogene Windel mit einer anderen ab und trage sie zum Zählen an einen windgeschützten Ort.

Zum Milbenzählen setze ich eine Kopflupe auf, sodass es mir leicht fällt, die im Gemüll liegenden Varroamilben –die dunklen und die hellen, manche leben noch– zu erkennen. Dabei hilft auch, dass die Windeln in der Regel nur 3-5 Tage eingeschoben waren. Gefahr im Verzug ist, wenn der natürliche Milbenfall deutlich über 10 Milben/Tag steigt.

Erste Milbenzahlen von 2020

An 5 Bienenständen habe ich in 2020 zweimal Gemülldiagnosen bei den dort stehenden Völkern durchgeführt, das erste Mal im April und das zweite Mal nach Mitte Juli. Zu den 5 Bienenständen gehören auch die Stände am Lehrbienenzentrum Hohenstein (LBZ) und am Bienenmuseum Duisburg (BiMuDU), deren Völker im Vorjahr unter genauer Beobachtung standen. In 2019 wurde am LBZ von März bis zum Jahresende, am BiMuDU von Juli bis zum Jahresende fortlaufend der Milbenfall vor und nach Behandlungen erfasst. Die Ergebnisse wurden in „Milben-Geschichten Teil 1“ am 23. Januar 2020 auf www.immelieb.de veröffentlicht.

Bei den 20 Völkern am LBZ waren nach der letzten Behandlung Ende Dezember zwischen 0 und 12 Milben gefallen, bei den 22 Völkern am BiMuDU waren es zwischen 4 und 543 Milben. Nach der Auswinterung wurden am BiMuDU 10 Völker abgezogen und woanders aufgestellt, um die Völkerzahl vor Ort zu senken, die an beiden Standorten bei den im Mai/Juni regelmäßig durchgeführten Kursen über die „Völkervermehrung mit integrierter Königinnenaufzucht“ immer ansteigt. In 2020 fielen (auch) diese Kurse Corona bedingt aus, sodass in 2020 an diesen Ständen vor Ort nur mit Altvölkern geimkert wurde.

Die 12 am BiMuDU verbliebenen Völker hatten nach der letzten Behandlung im Dezember 2019 zwischen 14 und 145 Milben und im Durchschnitt 73 Milben „verloren“. Am LBZ lag der Mittelwert des Milbenfalls nach der letzten Behandlung bei nur 3,4 Milben. Das war vielleicht eine echte „Restentmilbung“; denn im Juli 2020 lag an beiden Ständen der natürliche Milbenfall bei allen Völkern unter 1 Milbe/Tag (Abb. 2).  Am BiMuDU waren 4 von 12 Windeln milbenfrei, am LBZ waren es 9 von 20. Nach der Sommerhonigernte werden die Völker an beiden Bienenständen wie im Vorjahr nach dem Konzept „Teilen und behandeln“ geführt.

Abb. 2. Der natürliche Milbenfall im April und im Juli an den Bienenständen BiMuDU, LBZ, CD, P-I und WS. Mittelwerte von n Völkern. Am BiMuDU und am LBZ wurden im Juli weniger Milben gezählt als im April, an P-I und WS sind im Juli etwas mehr Milben als im April gefallen. Am Bienenstand CD waren es im Juli im Durchschnitt etwa 10mal mehr als im April. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den CD-Völkern (vgl. Abb. 3 und 5).

Beim „Teilen und behandeln“ kommt man ohne Ameisensäure aus. Die am Tag x in Flugling (mit Königin) und „Brutvolk“ geteilten Völker werden im brutfreien Zustand mit Oxalsäure behandelt; der Flugling am Tag x+2, das „Brutvolk“  am Tag x+21 unmittelbar nach dem Einengen.

Für Oktober ist die Wiedervereinigung der Teilvölker vorgesehen. Vorher werden sie aufgefüttert. Danach folgt die „Restentmilbung“. Wenn die letzte Milbe gezählt ist erfolgt wie im Vorjahr eine Auswertung, bei der in 2020 auch die an anderen Ständen erzielten Ergebnisse einbezogen werden. Zu diesen gehört auf jeden Fall der Stand CD (vgl. Abb. 3, 4, 5, 6 und 7). Die bei den dort stehenden  Völkern festgestellten Unterschiede im Milbenfall und der Vergleich des Milbenfalls mit Position und Sammelleistung regen (nicht nur) zum Nachdenken an.

Abb. 3. Der natürliche Milbenfall der Wirtschaftsvölker am Stand CD. Die Völker stehen am Nordost-Rand eines Laubwaldes. Die Sonne scheint nur am frühen Vormittag auf die Fluglöcher. Am längsten Sonnenlicht erhält Volk 1, am wenigsten Sonnenlicht Volk 16 (vgl. Abb. 4, 6 und 7).

Abb. 4. Blick auf die Völker des Bienenstandes CD am 22. Juli 2020 vor der Sommerhonigernte. Die Wirtschaftsvölker stehen in einer Reihe im Bild von rechts vorne (Volk 1) nach links.  Zwischen den Völkern 1 und 2 stehen zwei einzargige Jungvölker, zwischen den Völkern 3 und 4 steht ein drittes Jungvolk. Die Völker 3 und 4 sitzen in 3 Zargen, die anderen Völker in 4 Zargen.

Abb. 5. Der Vergleich des natürlichen Milbenfalls im April und Juli mit der Anzahl der im Frühjahr und im Sommer geernteten vollen Honigwaben am Bienenstand CD. Die „hinten“ länger im Schatten stehenden Völker 12-16 haben besonders im Frühjahr mehr Honig gemacht als die vorne länger in der Sonne stehenden Völker. Die Sammelleistung während der Sommertracht ist nicht von der Position abhängig. Besonders auffällig ist der Unterschied im natürlichen Milbenfall zwischen den nahe beieinander stehenden Völkern 15 und 16.

Abb. 6. Blick auf den Bienenstand CD von vorne am 21.5.20 kurz vor 10 Uhr und auf die Völker  1 (ganz rechts) bis 9 (ganz links im Bild). Neben dem Drei-Zargen-Volk 9  steht Volk 8 in vier Zargen sitzend.

Abb. 7. Blick auf die Völker 8 bis 16 am Bienenstand CD. Das Bild wurde am 21. Mai unmittelbar nach dem vorstehenden Bild aufgenommen. Man vergleiche die Bilder 6 und 7 auch mit dem Ergebnis der Honigernten in Abb. 5.

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Über den Autor

Gerhard Liebig
Ende 2011 ging Dr. Gerhard Liebig in den Ruhestand. Er war 37 Jahre lang an der Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart-Hohenheim angestellt und hat dort in Langzeitprojekten die Populationsdynamik von bienenwirtschaftlich wichtigen Honigtauerzeugern auf Fichte und Tanne sowie die Entwicklung von Bienenvölkern und ihres Varroabefalls untersucht.

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