Mythenjagd: Erst stirbt die Biene, dann der Mensch

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Obwohl Krankheiten und Parasiten wie die Varroamilbe vielen Bienenvölkern zusetzen, ist die Honigbiene nicht vom Aussterben bedroht. Das ändert sich auch nicht durch erfundene Zitate großer Physiker. (Beitrag ursprünglich erschienen auf salonkolumnisten.com, 20.04.2018)

Albert Einstein mahnte: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.” Und wer sollte es besser wissen als der als genialer Bienenkundler bekannt gewordene Nobelpreisträger und Hobby-Physiker? Der Satz dürfte zu seinen meistzitierten Aussagen zählen – so wie der mit der Unendlichkeit und der menschlichen Dummheit.

Leider haben die vielen Menschen, die sich in ihrem Kampf für die Bienen auf Einstein berufen – wie die Firma Schwartau, die BILD-Zeitung, unzählige Hobby-ImkerPro7, der leidenschaftliche österreichische Umwelt- (‘tschuldigung Heimat!-) schützer HC Strache und viele viele Grüne, darunter natürlich (!) der stets verlässlich daneben liegende ehemalige Umweltminister Niedersachsens, Christian Meyer – die weise Mahnung Abraham Lincolns vergessen: „Das Problem mit im Internet gefundenen Zitaten ist, dass sie häufig nicht stimmen.“

So ist es auch mit Einsteins Exkurs in die Apidologie. Erstmals zitiert wurde die Einsteinsche Bienen-Mensch-Apokalypse 1965 in einem französischen Magazin mit dem Titel „La Vie des Bêtes et l’Ami des Bêtes“. Da war Einstein schon tot und konnte sich nicht mehr gegen solche Zuschreibungen wehren. Anschließend wurde das Zitat im Magazin der französischen Imkereivereinigung (UNAF) und später von „The Irish Beekeeper“ übernommen, und so weiter – bis hin zum französischen Landwirtschaftsministerium. Was kann man sich schließlich mehr wünschen, als das größte Genie des 20. Jahrhunderts für sich ins Feld führen zu können?

Pflanzen gibt es auch ohne Bestäuber

2007 stellte das Albert-Einstein-Archiv in Jerusalem auf eine Anfrage der ZEIT allerdings endgültig klar, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass der Physiker den ihm zugeschriebenen Satz gesagt hat. Der Entstehungsgeschichte des Zitats ist der Quote Investigator im Detail nachgegangen.

Dabei ist schon die Präzision der Aussage bemerkenswert: vier Jahre bis zum Untergang. Warum nicht fünf? Oder drei? Und wie soll Einstein das berechnet haben? Selbstverständlich haben Bienen eine wichtige Funktion als Bestäuber, aber eine so konkrete Zeitangabe für die Folgen des Ausfalls eines einzelnen Einflussfaktors in einem komplexen System sollte misstrauisch machen.

Und die Prophetie geht sogar noch weiter. Dem zitierten Satz folgt häufig ein weiterer: „Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“ Spätestens hier muss das Misstrauen in Unglauben umschlagen. Ohne Bienen keine Pflanzen? Bei allem Respekt für die Arbeitswut der Biene, aber so umtriebig, dass sie für die Bestäubung sämtlicher Pflanzen des Planeten zuständig wäre, ist sie nicht – auch wenn manche „funky“ Schüler-Reporterin das glauben mag.

Nicht nur, dass es jede Menge andere Bestäuber neben den Bienen gibt – darunter vor allem Fliegen sowie Käfer, Motten, Schmetterlinge und sogar Ameisen –, die bis zu 50 Prozent aller Bestäubungsarbeit leisten. Viele wichtige Pflanzen müssen auch überhaupt nicht von Insekten besucht werden, weil der Wind die Bestäubung übernimmt. Dazu zählen unter anderem Weizen, Mais, Reis, Roggen, Gerste, Hafer und Hirse. Allein die ersten drei liefern mehr als die Hälfte aller von Menschen verzehrten Kalorien. In Nordamerika gab es bis zum 18. Jahrhundert überhaupt keine Honigbienen. Gerüchten zufolge soll es dort aber trotzdem schon bei der Ankunft der ersten Europäer Menschen und sogar Pflanzen gegeben haben.

Es stimmt, dass die Biene einen großen Anteil an der Geschmacksvielfalt auf unserem Esstisch hat. Das gilt vor allem für Früchte und Gemüse. Leer wäre der Tisch ohne Maja und Willi aber nicht.

Und die Honigbiene stirbt auch nicht aus

Doch nicht nur der zweite Teil der Apokalypse muss abgeblasen werden, sondern auch der erste: „Insgesamt geht es den Honigbienen in Deutschland gut“, sagt Dr. Jens Pistorius. Und der sollte es wissen, schließlich leitet er am Julius-Kühn-Institut für Kulturpflanzenforschung (JKI) in Braunschweig das einzige bundesweit zuständige Institut für Bienenschutz. Und auch die Statistik deutet nicht gerade auf ein Aussterben hin: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Bienenvölker in Deutschland von 670.000 auf rund 820.000 gestiegen.

Tatsächlich kann es immer vorkommen, dass Bienenvölker plötzlich sterben. In den USA machte Imkern vor einigen Jahren das „Colony Collapse Disorder“ (CCD) zu schaffen, das plötzliche Verschwinden der Arbeiterbienen. Die Leichen der Bienen konnten weder im Stock noch in der näheren Umgebung gefunden werden.

Doch das Phänomen ist seit Jahren rückläufig. Und es hat auch nicht das Überleben der Art bedroht. Honigbienen sind Nutztiere. Sie werden in dem Umfang nachgezüchtet, wie sie gebraucht werden. Zu behaupten, die Honigbiene sterbe aus, weil einige Völker kollabieren, ist etwa so, als würde man sagen, das Hausschwein sterbe aus, wenn mehrere oder sogar viele Großställe von einer Seuche heimgesucht werden.

Das Problem sind vor allem Parasiten wie die Varroamilbe

Insgesamt blieb der Honigbienen-Bestand auch während der Zeit des CCD relativ konstant. Auch die immer wieder als Bienenkiller genannten Pestizide aus der Klasse der Neonicotinoide haben daran nichts geändert. Die hatten 2008 im Oberrheingraben den Tod von mehreren Tausend Bienenvölkern verursacht (Anm. d. Redakation: über 12,000 Völker wurden geschädigt, Quelle). Bei der Aussaat von mit Neonicotinoiden gebeiztem Mais-Saatgut gelangte damals pestizidhaltiger Staub in die Abluft der Saatmaschine und wurde vom Wind verteilt.

Quelle: Jahresbericht der USDA zu Honig-produzierenden Bienenstöcken in den USA.

Der Unfallhergang wurde untersucht, in der Folge wurde diese Anwendung von Neonicotinoiden sofort verboten. Andere Anwendungen wurden untersucht, zugelassen sind in der EU nur noch solche, von denen keine Gefahr für Bienen ausgeht. Dazu gehört beispielsweise der Einsatz in Zuckerrüben. Dabei entsteht kein Staub, und die Rüben bieten weder Nektar noch Pollen, weil sie vor dem Blühen geerntet werden. Dennoch wird nun das vollständige Verbot der Wirkstoffe gefordert, obwohl dies wohl überhaupt keine Auswirkungen auf Bienen hätte. Denn laut Dr. Pistorius vom Institut für Bienenschutz gibt es in Deutschland seit 2008 keine wissenschaftlichen Belege mehr dafür, dass Bienen bei sachgemäßer Anwendung von Neonicotinoiden geschädigt wurden.

Die trotz allem teils gravierenden Probleme der Imker, ihre Bienen gesund zu halten, gehen auf Fehler der häufig von Amateuren betriebenen Haltung, auf Parasiten wie Nosema ceranae, vor allem aber auf die Varroamilbe zurück.

Michael Burgett, Insektenforscher an der Oregon State University and Co-Autor des Jahresberichts des US-Landwirtschaftsministeriums zum Zustand der Bienenvölker in den USA, konstatiert: „In einer Top-Ten-Liste der Gründe für das Sterben von Bienenstöcken würde ich Pestizide auf Platz 11 setzen.“

Quelle: salonkolumnisten.com

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10 Kommentare zu "Mythenjagd: Erst stirbt die Biene, dann der Mensch"

  1. Zum Glück schon länger bekannt, aber gut recherchiert…

  2. Bekannt für uns Imker ja. Die Medien pflegen aber in ihrer Sensationsgeilheit weiterhin die alten Mythen. Ist halt mehr Quote mit zu machen. „Die Biene chillt bei 23° im Schatten vor der Beute in der Sonne“ bringt da nichts. 😉

  3. Guten Tag
    Solche gute Aussagen machen doch positiv & glückich & fröhlich. Warum— die Bienen werden so nicht sterben. Esst guten Honig dieser gibt Energie & Macht Glücklich.Keinen Weltuntergang. Freut Euch aufs nächste Müsli/Frühstück.Einfach Zeit & Genießen. Einfach oder? MfG R.E

  4. Dr. Dieter Erb, 1. Vorsitzender Bezirksimkerverein Schömberg | 15. Februar 2020 um 13:34 | Antworten

    Hallo, Dr. Liebig,
    Das ist mal wieder ein echt guter Bericht. Kann ich gut in meinen Neuimkerkurs einfließen lassen.

  5. Dieter Skoetsch | 15. Februar 2020 um 14:39 | Antworten

    Guten Tag Herr Dr.Liebig. Besten Dank für Ihre Klarstellung. Im Ländle sagt man:“Herr, schmeiß Hirn runter.“ Bezgl.Raps ist noch anzumerken, dass wg. des Verbots der Beizmöglichkeit bis zu drei Spritzungen mit Insektiziden notwendig sind. Konsequenz: Resistenz und Rückgang der Rapsfläche von 1,2 Mio auf 0,8 Mio.ha. Wenn der Wirkstoff Thiacloprid auch noch verboten wird, ist es mit dem Rapsanbau geschehen. Auf das Geschrei der Imker bin ich gespannt.
    Bleiben Sie kritisch und melden sich weiterhin zu Wort.
    Viele Grüße, Dieter Skoetsch

    • Guten Tag
      Herr D.Skoetsch
      Es würde nichts nützt mit dem Hirn
      runterwerfen!!!
      Weil Die alle Schirme auf gespannt haben MfG R.E.

  6. Sehr geehrter Dr. Liebig, dass ist schon länger bekannt und gut informierte Imker wissen das. Warum legt man einem solchen Wissenschaftler diese Worte in den Mund? Ich würde vermuten, um die Bedeutung des schon längst begonnenen Artensterbens in den Fokus der Menschen zu rücken. Weder das Domestizierte Mastschwein, noch die Hochleistungskuh die Hauskatze oder die Honigbiene werden so schnell diesen Planeten verlassen, da der Mensch sie Hegt und Pflegt. Aber drum geht es doch gar nicht! Es soll in den Gehirnen der Menschen, dass Bewusstsein um den Artenrückgang und seine dramatischen Folgen, geschaffen werden! Ich habe jedenfalls keine Lust in einer Welt zu leben, dessen Landschaftsbild durch Monokulturen, Schweinehochhäusen, Hochleistungskühen ohne Kalb, die Luft leer, keine Flieg, Tagfalter, Nachtfalter, Hummel, Hornisse, Wildbienen, Schwebfliegen …… keine Frösche, Lurche… ich könnte endlos so weiter machen, zu finden sind. Auch wenn Sie sagen, dass 50% der Bestäubungsleistung durch andere Arten erledigt werden, die sind gerade aber in ihrem größten Sterbe …. und glauben Sie, dass unsere Hege und Pflege langfristig bei unsere Honigbiene rettet? Die auch nur noch auf Leistung gezüchtet werden? Desto mehr Honig desto besser die Königin und Ihr Volk? Wo bleibt da der Gesunde Menschenverstand, langfristig hole wir uns bei einem solchen Verhalten mehr Krankheiten in die Völker, da wir bei der Biene Ihre eigentliches Verhalten manipuliere. Aber ich gebe Ihnen Recht, die Pharmaindustrie wird uns schon mit geeigneten Mitteln unterstürzen. Die Qualität und Vielfalt der Pollen nimmt auch immer mehr ab.
    Also tun sie nicht so, als wäre alles in bester Ordnung es ist nicht.

    • Richtig es muß wieder ein Bewusstsein geschaffen werden..und zwar jenes, das genau jene schuld am Artenrückgang sind, die am lautersten nach einer kompletten verqueren Ernergiewende plärren!
      Wer hat den die Biogasanlagen zu verantworten für die riesige Maiswüsten geschaffen worden sind und jedes Jahr neugeschaffen werden?
      Das ist Lebensraum der den Insekten fehlt, es nützt die schönste Blühwiese nichts, wenn es an Niederschlägen fehlt, damit die Pflanzen Nektar produzieren können.
      Auch nützen solche Anlagen den Insekten herzlich wenig, wenn es an Nistmöglichkeiten für sie fehlt.
      Aber man hängt sich dann ein Billig-Insektenhotel, an die Wand um das Gewissen zu beruhigen, die zu 100 Prozent für die Katz sind, neulich wieder bei einem großen Baumarkt gesehen, ein Schande das man so den Leuten das Geld aus der Tasche zieht.
      Aber so ist es halt, wenn Ideologen mehr glauben geschenkt wird, als Fachleuten!
      Auch sollte niemand ein schlechtes Gewissen haben, wenn er Imker ist besonders wenn man weis, was Honigbienen leisten:

      https://www.laves.niedersachsen.de/download/43190/Bestaeubung_-_Wie_beeinflussen_Honigbienen_die_Artenvielfalt_.pdf

      Jeder Imker leistet mehr für die Natur, als somancher der Kriktiklos alles Nachplappert und sich „Naturschutz“ auf’s Panier geschrieben hat!

  7. Sehr geehrter Dr. Liebig bzw. Ihr Sohn, dass finde ich nicht richtig. Meinen Kommentar zu löschen. Es kann nicht sein, dass ein Wissenschaftler keine Kritik verträgt. Ich fand meinen Kommentar nicht falsch ………

    • Hallo Frau Schock,
      aus Ihrem Kommentar leite ich ab, dass Sie der Meinung sind, dass der Zweck die Mittel heiligt. Ich bin nicht dieser Meinung und verweise dabei auf ein belegtes Einstein-Zitat: „Wer es in kleinen Dingen mit der Wahrheit nicht ernst nimmt, dem kann man auch in großen Dingen nicht vertrauen.“
      Das „Einstein-Zitat“, mit dem sich der Autor des Beitrages „Mythenjagd: Erst stirbt die Biene, dann der Mensch“ befasst, stammt nicht von Albert Einstein. Es wurde ihm bewusst untergeschoben; denn mit einem Einstein-Zitat liegt man immer richtig. Dieser Effekt wurde auch erzielt.
      Als dieses Zitat in den Medien verbreitet wurde habe auch ich nachgeforscht wo es zu finden ist. In der Sammlung der Einstein-Zitate des Piper-Verlages ist es nicht. Es fehlt dort auch in der Aufzählung der Zitate, die Einstein nur zugeschrieben werden, aber nicht als solche belegt werden können.
      Fündig wurde ich u.a. dreimal in BILD (2006, 2010, 2013) und einmal im SPIEGEL (2007). Danach habe ich es sehr oft in Radio- und Fernsehbeiträgen gehört, immer verbunden mit dem oft dramatisch beschriebenen Szenario, dass mit dem „Bienensterben“ die Ernährung der Menschheit bedroht ist. Besonders eindrücklich gelang das der Stiftung Warentest, als sie im Augustheft 2013 titelte „Wenn das Summen verstummt“ und als Ursache für das „Bienensterben“ die „Industrialisierte Landwirtschaft“ ausmachte und auch erklärte wie. Der durch Monokultur, Pestizide und Düngemittel bedingte Nahrungsmangel schwäche das Immunsystem bei Bienen gegen Krankheitserreger, insbesondere Varroamilben, Pilze und Bakterien. Dieses Bild prägt auch die Berichterstattung über das „Insektensterben“, das ebenfalls nicht der Realität entspricht.
      Im April 2020 habe ich auf der „Bienale“ der Stuttgarter Messe die Gelegenheit, in einem Vortrag die „Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und Bienenhaltung“ meine Sicht der Dinge anhand von Fakten darzulegen. Danach werde ich den Vortrag auf meine Website stellen.

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