Spätsommerpflege 2026: Was Tracht und Volksentwicklung jetzt zeigen

Liebig Dispenser
Der Liebig Dispenser (LD) wird bei der Spätsommerpflege als Verdunster eingesetzt.

Das Bienenjahr 2026 begann ungewöhnlich früh. Bereits im Frühjahr waren viele Völker weit entwickelt. Inzwischen liegen mehrere Populationsschätzungen sowie kontinuierliche Wägedaten von sechs Untersuchungsstandorten in Niedersachsen, Brandenburg und Bayern vor. Damit lässt sich inzwischen gut erkennen, was aus diesem frühen Start geworden ist.

Die wichtigste Beobachtung: Die Völker sind nicht überall gleich durch den Sommer gekommen – ebenso wenig wie die Trachtbedingungen.

Die Tracht verlief regional sehr unterschiedlich

An den niedersächsischen Standorten zeigte sich im Juni und frühen Juli eine ausgeprägte Trachtphase. Besonders in einer der beiden Landschaften nahmen die Völker über mehrere Wochen deutlich an Gewicht zu. Gleichzeitig erreichten die Völker dort im Juli ihre höchsten Brut- und Bienenstärken.

Danach änderte sich das Bild. Im weiteren Verlauf des Juli und im August ging der Nettoeintrag deutlich zurück. Anfang September verlieren die Völker dort inzwischen wieder Gewicht – sie leben also zunehmend von den zuvor angelegten Vorräten.

In Brandenburg verlief die Saison wesentlich gleichmäßiger. Statt eines einzelnen ausgeprägten Trachtgipfels war über längere Zeiträume positiver Nettoeintrag zu erkennen. Auch im Juli und teilweise noch im August legten die Völker weiter an Gewicht zu.

In Bayern war die Sommertracht zunächst vergleichsweise verhalten. An einem Standort änderte sich die Situation jedoch ab Mitte August deutlich: Mit der Blüte mehrerer Hektar Buchweizen setzte dort noch einmal eine markante Spättracht ein. Während die Wägedaten an anderen Standorten bereits Stagnation oder Gewichtsverluste zeigten, legten die Völker dort nochmals deutlich zu.

Das zeigt sehr schön: Ein Standort kann im Juni hervorragende Trachtbedingungen bieten und im August kaum noch etwas liefern – oder im Hochsommer wenig auffallen und später durch eine einzelne Kultur noch einmal interessant werden.

Trachtverlauf und Volksentwicklung an sechs Untersuchungsstandorten 2026

Abb. 1: Trachtverlauf und Volksentwicklung an sechs Untersuchungsstandorten 2026. Oben: 7-Tage-Mittel der täglichen Gewichtsänderung. Unten: mittlere geschätzte Zahl adulter Bienen (± Standardabweichung) bei den Populationsschätzungen Ende April sowie im Juni, Juli und August. Die beiden Linien kennzeichnen jeweils Landschaft 1 und Landschaft 2 innerhalb der drei Regionen Brandenburg, Bayern und Niedersachsen.

Tracht und Volksentwicklung erzählen unterschiedliche Teile derselben Geschichte

Bei der Interpretation der Volksentwicklung muss ein zeitlicher Versatz berücksichtigt werden. Die Stockwaage zeigt unmittelbar, ob aktuell mehr eingetragen als verbraucht wird. Die Bienenzahl reagiert dagegen erst Wochen später.

Eine Arbeiterin benötigt vom Ei bis zum Schlupf rund 21 Tage. Gerhard Liebig hat seine Populationsschätzungen deshalb häufig in diesem Abstand durchgeführt. Vereinfacht ausgedrückt: Auf einen Brutknick folgt mit zeitlicher Verzögerung auch ein Bienenknick.

Unsere Schätzintervalle sind größer und können diesen zeitlichen Ablauf deshalb nicht auf wenige Tage genau auflösen. Das übergeordnete Muster ist dennoch erkennbar: Nach dem sommerlichen Maximum gehen an mehreren Standorten die Brutflächen zurück und mit Verzögerung sinken auch die Bienenzahlen.

Besonders anschaulich ist dabei, dass ein Volk im August noch sehr stark aussehen kann, obwohl die Wägedaten bereits seit Wochen kaum noch Nettoeintrag zeigen. Die vielen adulten Bienen sind dann das Ergebnis der Brut, die Wochen zuvor angelegt wurde.

 

Die Volksstärke erzählt die Geschichte der vergangenen Wochen – die Wägedaten zeigen, wann die Tracht kam und wann sie nachließ.

Anfang September: Die Spätsommerpflege ist weit fortgeschritten

Anfang September befinden wir uns bei den Altvölkern bereits in einer fortgeschrittenen Phase der Spätsommerpflege. Bei der klassischen Spätsommerpflege in vier Schritten sollte die erste Ameisensäurebehandlung im August erfolgt sein. Danach wurden die Völker aufgefüttert. Nach Abschluss der Auffütterung folgt im September die zweite Ameisensäurebehandlung.

Die grundsätzliche Reihenfolge lautet:

  • erste Ameisensäurebehandlung im August
  • anschließend Auffütterung
  • Kontrolle des natürlichen Milbenfalls
  • zweite Ameisensäurebehandlung im September
  • anschließend erneute Kontrolle des Milbenfalls

Für die Völker sollte die wesentliche Auffütterung inzwischen abgeschlossen oder zumindest weit fortgeschritten sein. Jetzt rückt vor allem die Frage in den Vordergrund, wie gut die erste Behandlung den Varroabefall abgesenkt hat.

Jetzt wird der natürliche Milbenfall wieder interessant

Unmittelbar nach einer Ameisensäurebehandlung lässt sich der Milbenfall noch nicht sinnvoll als natürlicher Milbenfall interpretieren. Ein Teil der gefallenen Milben ist unmittelbare oder verzögerte Folge der Behandlung.

Mit genügend Abstand zur Behandlung wird die Gemülldiagnose dagegen wieder aussagekräftig. Entscheidend ist dann weniger, wie viele Milben während der Behandlung gefallen sind, sondern wie hoch der natürliche Milbenfall anschließend noch ist.

Dieser Wert hilft einzuschätzen, ob der Varroabefall deutlich abgesenkt wurde und wie sich die Milbenpopulation weiterentwickelt. Die Gemülldiagnose ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Beobachtung während der Spätsommerpflege im September.

Schadschwellen helfen bei der Einordnung

Auf Immelieb wird der natürliche Milbenfall seit vielen Jahren als praktisches Instrument zur Einschätzung des Varroabefalls verwendet. Dabei sollte man einzelne Grenzwerte nicht als mathematisch scharfe Trennlinie verstehen, sondern als praktische Orientierung.

Ein natürlicher Milbenfall von etwa 10 Milben pro Tag oder mehr zeigt im Spätsommer einen bereits hohen Befall an. Im weiteren Herbst sollte der natürliche Milbenfall deutlich niedriger liegen. Für die Gemülldiagnose im Oktober wird auf Immelieb ein Wert von deutlich unter 5 Milben pro Tag als „grüner Bereich“ beschrieben. Mehr zur Gemülldiagnose und zum Varroabefall im Herbst.

Wichtig ist dabei vor allem die Entwicklung über die Zeit. Ein scheinbar noch moderater Befall kann bei weiterhin vorhandener Brut innerhalb weniger Wochen deutlich zunehmen.

Was hat die aktuelle Tracht damit zu tun?

Die Wägedaten zeigen Anfang September an mehreren Standorten deutlich, dass der Nettoeintrag weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Die Völker verlieren dort wieder an Gewicht, weil laufender Verbrauch und andere Gewichtsverluste nicht mehr durch frischen Trachteintrag ausgeglichen werden.

Eine Ausnahme ist der bayerische Standort mit Buchweizen. Dort hat die späte Tracht den saisonalen Verlauf noch einmal deutlich verändert.

Eine solche Spättracht kann den Futtereintrag und auch die Brutaktivität länger aufrechterhalten. Für die Varroasituation ist das relevant: Solange größere Brutflächen vorhanden sind, stehen der Milbe weiterhin ausreichend Brutzellen für ihre Vermehrung zur Verfügung.

Bei noch stark brütenden Völkern kommt es jetzt deshalb besonders auf das richtige Behandlungsfenster an. Ameisensäure ist in dieser Phase gerade deshalb geeignet, weil sie bei ausreichender Verdunstung auch Milben in der verdeckelten Brut erreicht. Mit fortschreitendem September können geeignete Wetterfenster jedoch knapper werden. Eine späte Tracht kann die Varroaentwicklung damit indirekt begünstigen und gleichzeitig das Zeitfenster für eine wirksame zweite Behandlung einengen. Umso wichtiger ist es, diese nicht unnötig hinauszuzögern.

Was am Bienenstand zählt

Anfang September geht es weniger darum, noch möglichst große Völker zu erzeugen. Entscheidend ist vielmehr, dass die jetzt entstehenden und bereits geschlüpften Winterbienen unter möglichst günstigen Bedingungen in den Winter gehen.

  • Winterfutter kontrollieren
  • natürlichen Milbenfall bestimmen
  • Behandlungserfolg der ersten Ameisensäurebehandlung beurteilen
  • zweite Ameisensäurebehandlung im September durchführen
  • anschließend den Milbenfall erneut kontrollieren
  • bei Spättracht Futtereintrag und Brutentwicklung weiter beobachten

Die zweite Ameisensäurebehandlung ist im klassischen Schema kein optionaler Schritt, der erst bei Überschreiten einer bestimmten Schadschwelle erfolgt. Sie bildet nach der Auffütterung den letzten Schritt der Spätsommerpflege in vier Schritten.

Jetzt entscheidet sich die Gesundheit der Winterbienen

Die Völker sind 2026 früh und stark in die Saison gestartet. Im Sommer entwickelten sich Tracht und Population an den verschiedenen Standorten jedoch sehr unterschiedlich. Kräftige Trachtphasen führten mit zeitlicher Verzögerung zu großen Bienenpopulationen, während nachlassender Eintrag und rückläufige Brut den Übergang zum Winter einleiteten.

Anfang September ist deshalb nicht allein entscheidend, wie groß ein Volk noch ist. Wichtiger ist, unter welchen Bedingungen die langlebigen Winterbienen aufgezogen werden. Eine ausreichende Futterversorgung und vor allem ein möglichst niedriger Varroabefall sind dafür entscheidend. Eine hohe Belastung mit Varroamilben und den mit ihnen verbundenen Virusinfektionen kann die Lebensdauer und Leistungsfähigkeit der Winterbienen beeinträchtigen.

Die Völker sollten inzwischen weitgehend aufgefüttert sein. Der natürliche Milbenfall hilft nun, die Situation nach der ersten Ameisensäurebehandlung einzuschätzen. Im klassischen Behandlungsschema folgt die zweite Ameisensäurebehandlung im September. Danach zeigt die weitere Gemülldiagnose, ob der Varroabefall auf einem ausreichend niedrigen Niveau liegt.

Kurz gesagt: Die Wägedaten zeigen den Verlauf von Tracht und Gewichtsänderung. Der natürliche Milbenfall zeigt, wie sich die Varroabelastung entwickelt.

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Richard Odemer

Richard ist passionierter Imker und Bienenwissenschaftler. Seit vielen Jahren verbindet er praktische Imkerei mit moderner Forschung zu Bienengesundheit und Volksentwicklung am Julius Kühn-Institut. In seiner Freizeit betreut er seine eigenen Bienenvölker und produziert regionalen Honig.

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