Einstein hat keinen Fehler gemacht

Foto: Jürgen Theobald

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Gerhard Liebig klärt am Lehrbienenstand Besucher über das Leben der fleißigen Insekten auf. Dabei stellt er auch hartnäckige Mythen richtig.

Vor einiger Zeit besuchte ein kleiner Junge mit seiner Mutter den Lehrbienenstand auf dem Hohenstein. Er hatte davon gehört, dass bald die Bienen aussterben sollen – und vier Jahre später auch die Menschheit. Aufgeregt erzählte er es dort dem Wissenschaftler und Imker Dr. Gerhard Liebig. Der konnte den Jungen beruhigten: „Solange es Imker gibt, wird es auch die Honigbiene geben.“ Kein Grund zur Sorge also, denn die Anzahl der Bienenvölker ist in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen (Quelle: Deutscher Imkerbund e.V).

Liebig sammelt seit Jahren Zeitungsartikel und Beiträge rund ums Bienen- und Insektensterben. Bei den meisten Schlagzeilen kann der promovierte Wissenschaftler nur den Kopf schütteln. „Der richtig große Hype begann 2006 mit einer Schlagzeile der Bild-Zeitung“, so der 69-Jährige. Das Blatt titelte damals „Frühlingsschock: Unsere Honig-Bienen sterben aus“ und löste damit eine Welle des Entsetzens aus.

Einstein hat keinen Fehler gemacht

Schließlich hat doch sogar Einstein schon gesagt: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Und wer will schon einem Genie widersprechen? Liebig klärt auf: „Einstein hat das nie gesagt. Das Zitat ist schlichtweg ausgedacht.“ Tatsächlich: Als die Bild-Zeitung das Zitat als eines der ersten Medien abdruckte, fehlte eine genaue Quellenangabe. Und obwohl sich Wissenschaftler seitdem über das frei erfundene Zitat beschwerten, verbreitete es sich wie ein Lauffeuer.

Immer wieder berichten Medien über Imker, die all ihre Bienenvölker verloren haben. Dazu Liebig: „Der Fehler steht meist hinter dem Kasten.“ Er meint damit die Bienenhalter, die durch eigene Missgriffe ihre Populationen verlieren. Fehlerquelle Nummer eins ist dabei die mangelnde Behandlung gegen die Varroamilbe, die in den 70er Jahren eingeschleppt wurde.

Liebig bestreitet den Insekten-Rückgang nicht

Seit etwa einem Jahr sprechen Besucher des Hohensteins den Imker auch auf das oft besprochene Insektensterben an. Hintergrund ist eine Studie, die der Entomologische Verein Krefeld im Oktober letzten Jahres veröffentlichte. Darin heißt es, dass die jährlich gesammelte Insektenmasse seit der Wende um mehr als 75 Prozent geschrumpft sei. Aber auch hier möchte Liebig die Hysterie abschwächen: „Ich will den Rückgang der Insekten gar nicht bestreiten. Aber man sollte schon wahrheitsgemäß berichten.“ Die Krefelder Studie halte sich laut Liebig nicht an wissenschaftliche Standards. So seien zum Beispiel nur die Daten von zwei Erhebungsjahren veröffentlicht worden. „Insektenpopulationen unterliegen von Jahr zu Jahr riesigen Schwankungen. Das ist ganz natürlich.“ Die 75 Prozent hält Liebig deshalb für zu hoch angesetzt. Trotzdem freut ihn natürlich, dass sich mehr Menschen für den Schutz der kleinen Tiere einsetzen.

„Die intensive Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und dem Einsatz von Pestiziden als einzigen Schuldigen zu entlarven, ist allerdings auch keine Lösung.“ Die Gründe für den Rückgang seien weitaus vielfältiger. Aber: „Eine einfache Lüge verkauft sich besser als komplexe Wahrheiten“, so der Forscher, der selbst Langzeitstudien bei Insekten durchgeführt hat. Neben der Landwirtschaft seien auch der angestiegene Kraftfahrzeugverkehr, die allgemeine Lichtverschmutzung und „diese wahnsinnige Böllerei an Sylvester“ wichtige Gründe fürs Insektensterben. Deshalb seine Tipps: Langsamer Autofahren, damit nicht so viele Flugtierchen gegen die Windschutzscheibe klatschen. „Es hilft auch, sich in der Gemeinde dafür einzusetzen, dass die Straßenlampen vielleicht nicht die ganze Nacht lang brennen.“

Drei Wildbienenhotels am Hohenstein

Wer den Wildbienen das Leben leichter machen möchte, kann im eigenen Garten einiges tun. „Steingärten und Kies gehören nicht in die heimischen Beete“, so Hela Mikkin, Vorsitzende des Kreisimkervereins Ennepe-Ruhr. Auch die bunt blühenden Geranien oder Forsythien bringen den Bienen nichts. Denn diese Blumen bilden weder Pollen noch Nektar. Lavendel sorgt dagegen dafür, dass es im Garten wieder summt und brummt.

Drei Wildbienenhotels und zehn Honigbienen-Stöcke stehen am Lehrbienenstand auf dem Hohenstein. Am 2. September (Sonntag) steigt dort die große Feier zum 40-jährigen Bestehen. Von 11 bis 18 Uhr können Besucher gemeinsam mit Gerhard Liebig ins Reich der Bienen abtauchen. Zauberkünstler, Hüpfburg und Kerzenziehen machen das Programm komplett.

Erschienen in der WAZ – Mirjam Benecke 


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Über den Autor

Gerhard Liebig
Hier schreibt Dr. Gerhard Liebig. Er war 37 Jahre lang an der Landesanstalt für Bienenkunde in Stuttgart-Hohenheim angestellt und hat dort in Langzeitprojekten die Populationsdynamik von bienenwirtschaftlich wichtigen Honigtauerzeugern auf Fichte und Tanne sowie die Entwicklung von Bienenvölkern und ihres Varroabefalls untersucht.

8 Kommentare zu "Einstein hat keinen Fehler gemacht"

  1. Das die Wildbienen Nachts gegen zu helle Straßenlaternen fliegen, halte ich für einen Mythos. Dies betrifft eher die Nachtfalter und nachtlebige Insekten.
    Und meine Autoscheiben, egal wie schnell ich fahre, musste ich schon seit Jahren nicht mehr von Insekten reinigen.
    Trotzdem ist es richtig, dass die Landwirtschaft nicht alleine in Verantwortung gezogen werden kann. Es ist einfach, die Bauern als Buhmänner da stehen zu lassen.
    Die Varroamilbe ist eine der Hauptbelastungen der Bienen. Im Zusammenhang mit Viren und anderen Belastungen der Bienen wie z.B. Pestiziden jedoch wird sie erst zum tödlichen Feind.
    In manch anderen Ländern kann sich die Bienen gegen die Varroa behaupten, woran das wohl liegen mag?

  2. Herr Liebig, wie kommen Sie darauf das der entomologische Verein nur Daten von 2 Jahren veröffentlicht hätte? Die Studie zeigt Daten von Anfang der Neunzigerjahre bis 2016, siehe auch die veröffentlichte Studie unter https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809 . Außerdem weist die Studie der Landwirtschaft nicht die Schuld zu.

    • In der PLOSone-Publikation lohnt sich der Vergleich von Table 1 mit Fig 2 und Fig 4! In Fig 4 fehlen die Daten der nur einmal beprobten Standorte. Die statistische Bearbeitung der Biomassenfänge wurde ohne Differenzierung der gefangenen Insekten nach Arten und Fangzeitraum im Jahr durchgeführt. Das ist mehr als fragwürdig.
      Wenn man in Fig 2.A die Zeiträume 1989-2005 und 2005-2016 isoliert betrachtet, kann man mutmaßen, dass sich in beiden Zeiträumen wenig verändert hat. Im zweiten Zeitraum liegen die Zahlen durchweg niedriger als im ersten. Nach 2006 ist es offendichtlich zu einem Einbruch gekommen. Mögliche Ursache wäre: Ab 2004 wurde an neuen Standorten untersucht, die vorher noch nie (!) untersucht worden sind (siehe Table 1). Vielleicht war das auch die ursprüngliche Zielsetzung der Krefelder Studie: Welche Insektenarten treten wann in diversen Naturschutzgebieten auf? Als man sich des „Rückganges“ bewusst wurde, wurde das Naturschutzgebiet Oberbroicher Bruch in 2013 nach 1989 ein zweites Mal beprobt …. und der Vergleich dieser beiden Jahre veröffentlicht. In 2013 berichtete der Entomologische Verein Krefeld in seinen Mitteilungen Vol. 1, pp 1-5 über die „Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise Fallen in den Jahren 1989 und 2013“. Aufschlussreich ist dort die Abbildung 9, in der der „Zusatzeintrag eines ein potentiell möglichen Trends“ von 1960-2024 beeindruckt.

      • Vielen Dank für die Erläuterungen 🙂 Jetzt kann ich Ihre Kritik an der Vorgehensweise nachvollziehen.

      • sehr geehrter Herr Liebig
        mit Interesse verfolge ich die Diskussionen um das „Insekten-/ Bienensterben “ in der BR Deutschland. Interessant für mich wäre, ob es quantifizierende Untersuchungen über die Auswirkungen der Etablierung und später Abwicklung von Brachflächen in der Landwirtschaft sowie von Windkraftanlagen gibt. Ich selber habe hier in unserem Landesteil von DK seit mehr als 20 Jahren Honigbienen (ligustica u carnica) und auch diverse „Insektenhotels“aus verschiedenen Holzsorten. Unsere Landschaft ist an 3 Seiten von Wasser umgeben und auf der 4. Seite von einer gestaffelten Reihe vom Grosswindanlagen zu 3/5 vom Rest des Landes abgeschnitten, zusätzlich zu verstreuten kleineren Windkraftanlagen. Die landwirschaftliche Nutzung ist ausser der Aufgabe der EU-geförderten Brachflächen, ziemlich gleich geblieben. Ein Rückgang der Wildbienen- und wespenpopulation ist hier seit der Etablierung der Windanlagen vor 9 Jahren kontinuierlich zu verzeichnen. Gleichzeitigist die Zahl der gehalten Bienvölker zurückgegangen, die Anzahl der Imker dagegen leicht gestiegen.
        In der politisch gesteuerten Kampagne „Rettet die Bienen – gegen das Bienensterben“ har man sich bei uns auf die Imker eingeschossen, die angeblich zu grosse Konkurrenz zu den wildlebenden/solitären Arten darstellen. Gibt es aussagekräftige Untersuchungen über den Einfluss von Windkraftanlagen auf die Insektenpopulationen?
        Für einen Hinweis wäre ich dankbar.
        Mit freundlichem Gruss
        PeterDahms

  3. Ich bin mit einem Vortrag „Imkerei und moderne Landwirtschaft-kein Widerspruch“ in Hessen unterwegs. Das große Interesse der Landwirte den Bienen mit Blühfächen zu helfen, ist überall zu spüren. Die fast aggressive Haltung der Imker zu den Landwirten hingegen, erschreckt mich als langjähriger Imker von mal zu mal mehr. Die oft unsägliche Hetze der NGO’s trägt dazu bei.Schade!!!

  4. Die Bildzeitung? Na die haben doch auch die Fakenews erfunden…

    • So pauschal kann ich die BILD-Zeitung nicht verdammen; andere Medien sind auch nicht (viel) besser. Das wurde/wird mir besonders (nicht nur!) beim Medienhype „Bienensterben“ bewusst. Ich könnte (auch) darüber ein Buch schreiben …
      Das Einstein-Zitat tauchte nach meiner Kenntnis erstmals 2005 auf in einem „kritischen Agrarbericht“, in dem der Autor Walter Haefeker, Imker in Bayern und Vorstandsmitglied im Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbund, die Imkerei in Deutschland in ihrer Existenz durch die Einführung der Agro-Gentechnik bedroht sieht. Im April 2006 war das Zitat (als solches gekennzeichnet) in „Bild am Sonntag“ zu lesen unterschrieben mit „Albert Einstein (1949)“. Die Zeitung titelte damals „Unsere Honigbienen sterben“, „Bis zu 80 Prozent der Völker vernichtet“, „Imker bangen um ihre Existenz“, „Obsternten in Gefahr“. Neben Einstein wurde auch der Präsident des Verbands der Berufsimker zitiert: „Der Todeskampf der Honigbiene und der Imkerei in Deutschland hat begonnen.“
      Danach verbreitete sich das Einstein-Zitat rasant und wurde immer wieder wiederholt, nicht nur von der Bildzeitung (von dieser mindestens zweimal), und auch dann noch, als feststand, dass das Zitat in keinem Einstein-Archiv zu finden war/ist, und obwohl von Anfang an klar war, dass sein Inhalt schlichtweg falsch ist. Einstein hätte das nie gesagt! Doch wie sagt der Volksmund: Mit einem Einstein-Zitat liegt man immer richtig.
      So schmückte dieses Einstein-Zitat auch in einer Kurzform das Cover des Dokumentarfilmes „MORE THAN HONEY“, der in 2012 auf den Markt kam. Der Film erhielt das Prädikat „besonders wertvoll“ und war nicht nur im Kino zu sehen, sondern auch mehrmals im Fernsehen.
      Zu der ganzen Story passt vielleicht ein echtes Einstein-Zitat: „Wer es in kleinen Dingen mit der Wahrheit nicht ernst nimmt, dem kann man auch in großen Dingen nicht vertrauen“.

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