Schadet Imkerei den Wildbienen? Was die Forschung wirklich sagt
Kurzfassung:
Können Honigbienen mit Wildbienen um Nektar und Pollen konkurrieren? Ja – unter bestimmten Bedingungen ist das wissenschaftlich gut belegt. Besonders hohe Honigbienendichten in Städten, Schutzgebieten, kleinen Inselökosystemen oder trachtarmen Landschaften können Wildbienen beeinträchtigen. Daraus folgt aber nicht, dass Honigproduktion pauschal „Artensterben im Glas“ ist oder dass Imkerei grundsätzlich schädlich wäre. Die Forschung zeigt ein differenziertes Bild: Entscheidend sind Standort, Völkerdichte, Blütenangebot, Jahreszeit, Landschaftsstruktur und verantwortungsvolle Praxis.[1][2][3][4]
Warum diese Einordnung nötig ist
Die Frage, ob Honigbienen und Wildbienen miteinander konkurrieren, ist nicht neu. Auf immelieb wurde sie bereits früher im Beitrag „Gute Biene, schlechte Biene“ aufgegriffen. Inzwischen ist die Studienlage deutlich gewachsen – und erlaubt eine differenziertere Einordnung.
In sozialen Medien wird immer wieder diskutiert, ob Honigbienenhaltung Wildbienen schadet. Manche Beiträge gehen dabei sehr weit und stellen Honigproduktion grundsätzlich als Problem für Artenvielfalt dar. Andere reagieren darauf reflexhaft mit dem Hinweis, Honigbienen und Wildbienen hätten „schon immer“ nebeneinander existiert und Konkurrenz spiele praktisch keine Rolle.
Beides greift zu kurz. Die wissenschaftliche Literatur zeigt: Honigbienen können Wildbienen lokal beeinflussen – vor allem dann, wenn viele Völker auf begrenzte Blütenressourcen treffen. Gleichzeitig ist die Datenlage zu heterogen, um daraus eine pauschale Anklage gegen Imkerei oder Honigproduktion abzuleiten.[1][9]
Honigbienen und Wildbienen: gemeinsame Ressourcen, unterschiedliche Ansprüche
Die Honigbiene (Apis mellifera) ist ein sozialer Generalist. Ein starkes Volk kann zehntausende Arbeiterinnen umfassen und große Blütenangebote sehr effizient nutzen. Viele Wildbienenarten leben dagegen solitär, haben kurze Aktivitätszeiten, kleinere Aktionsradien oder sind auf bestimmte Pflanzen spezialisiert. Für diese Arten kann es relevant sein, wenn an einem Ort plötzlich sehr viele Honigbienen dieselben Blüten nutzen.
Daraus folgt aber nicht automatisch Konkurrenz. Konkurrenz entsteht erst dann, wenn eine gemeinsam genutzte Ressource tatsächlich begrenzt ist und die Nutzung durch eine Art die Nahrungssuche, Fortpflanzung oder Populationsentwicklung einer anderen Art beeinträchtigt. Ein gemeinsamer Blütenbesuch allein ist also noch kein Beweis für Verdrängung.[2]
Was eine Übersichtsarbeit zeigt
Eine aktuelle Übersichtsarbeit, auch Review genannt, fasst vorhandene Studien zu einem Thema zusammen und bewertet, wie belastbar die bisherigen Ergebnisse insgesamt sind. Ein Review ist also keine einzelne neue Feldstudie, sondern eine Einordnung vieler bereits veröffentlichter Arbeiten. Das ist besonders hilfreich, wenn einzelne Studien unterschiedliche Ergebnisse liefern oder nur bestimmte Landschaften und Arten untersucht wurden.
Die aktuelle Übersichtsarbeit von Pike und Rittschof kommt zu einer ausgewogenen Einschätzung: Ressourcenkonkurrenz zwischen Honigbienen und Wildbienen ist in manchen Fällen ein reales Problem. Gleichzeitig zeigen die Autorinnen und Autoren, dass nur ein kleiner Teil der Studien direkte Fitness-Effekte auf Wildbienen untersucht hat. In vielen Arbeiten werden eher Besuchsraten, Blütennutzung oder Wildbienengemeinschaften erfasst – also wichtige Hinweise, aber nicht immer direkte Nachweise langfristiger Populationsschäden.[1]
Auch eine frühere systematische Übersichtsarbeit von Mallinger und Kolleginnen zeigte bereits, dass negative Effekte gemanagter Bienen auf Wildbienen berichtet werden, die Ergebnisse aber je nach Thema und Studiensystem stark variieren. Besonders wichtig ist: Viele Arbeiten zeigen mögliche Wirkmechanismen, messen aber nicht direkt Fortpflanzung, Überleben oder langfristige Populationsentwicklung von Wildbienen.[9]
Die Gesamtstudienlage stützt deshalb keine einfache Aussage wie „mehr Honigbienen bedeuten überall weniger Wildbienen“. Es gibt Studien mit negativen Effekten, Studien ohne nachweisbare Effekte und auch Studien mit komplexen oder gemischten Ergebnissen. Das Problem ist also real, aber stark kontextabhängig.[1][9]
Wann Konkurrenz besonders plausibel ist
Starke Effekte sind vor allem dort zu erwarten, wo viele Honigbienenvölker auf begrenzte oder zeitlich kurze Blütenangebote treffen. Dazu gehören zum Beispiel kleine Schutzgebiete, Inselökosysteme, Städte mit hoher Völkerdichte oder Landschaften mit ausgeprägten Trachtlücken. In solchen Situationen können Honigbienen Nektar und Pollen so stark nutzen, dass für andere Bestäuber weniger übrig bleibt.
Wie groß dieser Ressourcenverbrauch sein kann, verdeutlichten Cane und Tepedino mit einer theoretischen Überschlagsrechnung: Ein starkes Honigbienenvolk kann in wenigen Monaten Pollenmengen sammeln, die rechnerisch der Versorgung sehr vieler Nachkommen solitärer Wildbienen entsprechen würden. Solche Berechnungen beweisen noch keinen Populationsrückgang, machen aber plausibel, warum hohe Völkerdichten in sensiblen Lebensräumen kritisch geprüft werden sollten.[10]
Eine besonders klare experimentelle Arbeit stammt von Page und Williams. Sie untersuchten zwei kalifornische Landschaften und zeigten, dass steigende Honigbienenabundanz die Verfügbarkeit von Pollen und Nektar in Blüten senken und die Blütenbesuche nativer Bienen verändern kann. Das ist ein starker Hinweis auf echte exploitative Konkurrenz – also Konkurrenz durch Ressourcenverbrauch.[2]
Ein starkes Beispiel: Honigbienen in einem kleinen Inselökosystem
Besonders eindrücklich ist eine aktuelle Studie auf der kleinen italienischen Insel Giannutri. Dort wurden Honigbienenvölker zeitweise verschlossen, sodass die Honigbienen für mehrere Stunden nicht ausfliegen konnten. Bereits diese kurzzeitige Aussperrung führte zu mehr verfügbarem Nektar und Pollen. Gleichzeitig änderten Wildbienen ihr Such- und Sammelverhalten. Über mehrere Jahre zeigte sich zudem ein starker Rückgang zweier untersuchter Wildbienenarten.[4]
Das ist ein sehr starkes Warnsignal für kleine, isolierte Schutzgebiete mit hoher Honigbienendichte. Es bedeutet aber nicht automatisch, dass jede Imkerei in jeder Landschaft denselben Effekt hat. Gerade die Besonderheit des Systems – kleine Insel, begrenzte Frühjahrsflora, Schutzgebiet, hohe Völkerdichte und keine feralen Honigbienen – macht die Studie aussagekräftig, aber auch kontextgebunden.[4]
Wenn Honigbienen Wildbestäuber nicht ersetzen können
Eine weitere Arbeit von Page und Williams zeigt, dass Honigbienen nicht automatisch ein gleichwertiger Ersatz für Wildbestäuber sind. In montanen Wiesen Nordamerikas untersuchten sie die Bestäubung der Wildpflanze Camassia quamash. Honigbienenbesuche konnten dort die Bestäubungsleistung nativer Bienen nicht ausgleichen. Vielmehr wurden native Bienenbesuche reduziert und die Samenanlage der Pflanze weniger erfolgreich befruchtet.[3]
Das ist ökologisch wichtig: Selbst wenn Honigbienen viele Blüten besuchen, heißt das nicht automatisch, dass sie dieselbe Funktion erfüllen wie die ursprünglichen Wildbestäuber. Manche Pflanzen profitieren stärker von bestimmten Wildbienenarten als von Honigbienen. Deshalb ist Wildbienenschutz nicht durch das Aufstellen von Honigbienenvölkern ersetzbar.
Auch für landwirtschaftliche Kulturen zeigen große Vergleichsstudien, dass Wildbestäuber eine eigenständige und wichtige Rolle spielen. Garibaldi und Kolleginnen fanden, dass Wildbestäuber den Fruchtansatz vieler Kulturen verbessern – unabhängig davon, wie häufig Honigbienen die Blüten besuchen. Honigbienen können Bestäubung also ergänzen, aber Wildbestäuber nicht einfach ersetzen.[12]
Honigbienen können auch Pflanze-Bestäuber-Netzwerke verändern
Neben direkten Effekten auf Nektar und Pollen können hohe Honigbienendichten auch die Struktur von Pflanze-Bestäuber-Netzwerken verändern. Eine experimentelle Studie im Teide-Nationalpark auf Teneriffa zeigte, dass eingebrachte Honigbienenvölker die Vielfalt wilder Bestäuber und die Zahl ihrer Interaktionen im Netzwerk reduzieren können. Solche Effekte sind besonders relevant in naturnahen oder geschützten Lebensräumen, in denen ursprüngliche Bestäubungsbeziehungen erhalten werden sollen.[11]
Stadtimkerei ist nicht automatisch Wildbienenschutz
Auch in Städten wird Imkerei häufig als Beitrag zum Naturschutz verstanden. Dabei können Städte zwar wichtige Rückzugsräume für Wildbienen sein, gleichzeitig aber durch hohe Honigbienendichten belastet werden. Studien aus Paris, Montréal, München und der Schweiz zeigen, dass urbane Honigbienendichten kritisch betrachtet werden sollten, insbesondere wenn viele Völker in ohnehin begrenzten Grünflächen konzentriert sind.[5][6][7][8]
Das heißt nicht, dass Stadtimkerei grundsätzlich falsch ist. Es heißt aber: Wer Bienen helfen möchte, sollte nicht einfach weitere Honigbienenvölker aufstellen. Für Wildbienen sind blütenreiche, vielfältige Lebensräume, Niststrukturen, offene Bodenstellen, Totholz, Stängel und eine angepasste Pflege von Grünflächen meist viel wichtiger.
Warum „Honig = Artensterben“ wissenschaftlich nicht trägt
Die Aussage, Honigproduktion sei „Artensterben im Glas“, ist emotional stark, aber wissenschaftlich zu grob. Honig entsteht aus Nektar, und Nektar ist eine ökologische Ressource. Wenn sehr viele Honigbienenvölker an einem ungünstigen Standort stehen, kann ihr Ressourcenverbrauch andere Bestäuber beeinträchtigen. Aber daraus folgt nicht, dass jeder geerntete Honig automatisch Wildbienen schädigt.
Für eine solche Schlussfolgerung müsste man zeigen, dass Honigbienen lokal Nektar oder Pollen so stark reduzieren, dass Wildbienen weniger oder schlechtere Nahrung sammeln, dadurch weniger Nachkommen erzeugen und langfristig in ihrer Population zurückgehen. Solche Nachweise gibt es in einzelnen sensiblen Systemen – aber nicht als pauschalen Beleg gegen Honigproduktion oder Imkerei insgesamt.[1][4][9]
Baumhöhlen und freilebende Honigbienen: spannend, aber keine einfache Lösung
Honigbienen können in Baumhöhlen leben. Freilebende Völker sind biologisch interessant und sollten erforscht werden. Auch die Frage, wie Nestvolumen, Wandstärke, Mikroklima und Standort die Entwicklung eines Volkes beeinflussen, ist wissenschaftlich relevant.
Aber Baumhöhlen oder Baumhöhlensimulationen sind nicht automatisch Artenschutz. Auch dort leben Honigbienenvölker, die Nektar und Pollen sammeln, Krankheiten übertragen können und mit Wildbestäubern interagieren. Wenn zusätzliche Honigbienenvölker in eine Landschaft eingebracht werden, muss auch dort gefragt werden: Wie hoch ist die lokale Völkerdichte? Wie ist das Blütenangebot? Gibt es sensible Wildbienenarten? Wie wird Varroa überwacht? Was passiert bei Völkerkollaps? Wie werden Seuchenrisiken kontrolliert?
Eine naturnah wirkende Behausung ersetzt keine ökologische Prüfung. Wenn die Sorge um Ressourcenkonkurrenz ernst genommen wird, muss sie für alle zusätzlichen Honigbienenvölker gelten – auch für solche in Baumhöhlensimulationen.
Was wirklich hilft
Wildbienen hilft vor allem Lebensraum. Dazu gehören artenreiche Blühflächen mit regionalen Wildpflanzen, offene Bodenstellen, Totholz, alte Pflanzenstängel, Hecken, Säume, weniger Versiegelung und eine angepasste Pflege von Grünflächen. In Agrarlandschaften sind strukturreiche Ränder, Brachen, spät gemähte Bereiche und vielfältige Trachtangebote entscheidend.
Ebenso wichtig ist eine sachgerechte, risikobewusste Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Entscheidend ist nicht eine pauschale Ablehnung von Pflanzenschutz, sondern dass zugelassene Mittel korrekt angewendet, Anwendungsauflagen eingehalten und unnötige Expositionen von Nichtzielorganismen vermieden werden. Genau dafür gibt es in Deutschland und der EU ein umfangreiches Zulassungs- und Risikobewertungssystem.
Auch Honigbienen profitieren von vielfältigen, gut bewirtschafteten Landschaften. Verantwortungsvolle Imkerei und Wildbienenschutz müssen deshalb keine Gegensätze sein. Problematisch wird es dort, wo Honigbienenvölker in hoher Dichte als vermeintliche Naturschutzmaßnahme aufgestellt werden, ohne die vorhandenen Ressourcen und Wildbienenbestände zu berücksichtigen.
Fazit
Die aktuelle Debatte enthält einen wahren Kern: Honigbienenhaltung ist nicht automatisch Naturschutz, und zu viele Honigbienenvölker können lokal zum Problem werden. Das gilt besonders für Städte, Schutzgebiete, kleine Inselökosysteme und trachtarme Landschaften.
Aber daraus folgt nicht, dass Imkerei grundsätzlich schädlich ist oder Honigproduktion pauschal Artensterben bedeutet. Die Forschung zeigt ein differenziertes Bild. Entscheidend sind Völkerdichte, Standort, Trachtangebot, Jahreszeit, Landschaftsstruktur und verantwortungsvolle Praxis.
Wer Bienen schützen will, sollte Honigbienen und Wildbienen nicht gegeneinander ausspielen. Wir brauchen weniger einfache Schuldzuweisungen – und mehr gute Lebensräume, verantwortungsvolle Imkerei und eine sachgerechte, risikobewusste Landbewirtschaftung.
Einzelnachweise
- Pike, W. A., & Rittschof, C. C. (2025). Honey Bee (Apis mellifera L.) and Wild Bee Resource Competition: How Big Is This Problem? Integrative and Comparative Biology, 65(4), 893–918. doi:10.1093/icb/icaf072 ↩
- Page, M. L., & Williams, N. M. (2023). Evidence of exploitative competition between honey bees and native bees in two California landscapes. Journal of Animal Ecology, 92, 1802–1814. doi:10.1111/1365-2656.13973 ↩
- Page, M. L., & Williams, N. M. (2023). Honey bee introductions displace native bees and decrease pollination of a native wildflower. Ecology, 104, e3939. doi:10.1002/ecy.3939 ↩
- Pasquali, L., Bruschini, C., Benetello, F., Bonifacino, M., Giannini, F., Monterastelli, E., Penco, M., Pesarini, S., Salvati, V., Simbula, G., Skowron Volponi, M., Smargiassi, S., van Tongeren, E., Vicari, G., Cini, A., & Dapporto, L. (2025). Island-wide removal of honeybees reveals exploitative trophic competition with strongly declining wild bee populations. Current Biology, 35, 1576–1590. doi:10.1016/j.cub.2025.02.048 ↩
- Ropars, L., Dajoz, I., Fontaine, C., Muratet, A., & Geslin, B. (2019). Wild pollinator activity negatively related to honey bee colony densities in urban context. PLOS ONE, 14(9), e0222316. doi:10.1371/journal.pone.0222316 ↩
- MacInnis, G., Normandin, E., & Ziter, C. D. (2023). Decline in wild bee species richness associated with honey bee (Apis mellifera L.) abundance in an urban ecosystem. PeerJ, 11, e14699. doi:10.7717/peerj.14699 ↩
- Renner, S. S., Graf, M. S., Hentschel, Z., Krause, H., & Fleischmann, A. (2021). High honeybee abundances reduce wild bee abundances on flowers in the city of Munich. Oecologia, 195, 825–831. doi:10.1007/s00442-021-04862-6 ↩
- Casanelles-Abella, J., & Moretti, M. (2022). Challenging the sustainability of urban beekeeping using evidence from Swiss cities. npj Urban Sustainability, 2, 3. doi:10.1038/s42949-021-00046-6 ↩
- Mallinger, R. E., Gaines-Day, H. R., & Gratton, C. (2017). Do managed bees have negative effects on wild bees?: A systematic review of the literature. PLOS ONE, 12(12), e0189268. doi:10.1371/journal.pone.0189268 ↩
- Cane, J. H., & Tepedino, V. J. (2017). Gauging the Effect of Honey Bee Pollen Collection on Native Bee Communities. Conservation Letters, 10(2), 205–210. doi:10.1111/conl.12263 ↩
- Valido, A., Rodríguez-Rodríguez, M. C., & Jordano, P. (2019). Honeybees disrupt the structure and functionality of plant-pollinator networks. Scientific Reports, 9, 4711. doi:10.1038/s41598-019-41271-5 ↩
- Garibaldi, L. A., Steffan-Dewenter, I., Winfree, R., Aizen, M. A., Bommarco, R., Cunningham, S. A., Kremen, C., Carvalheiro, L. G., Harder, L. D., Afik, O., Bartomeus, I., Benjamin, F., Boreux, V., Cariveau, D., Chacoff, N. P., Dudenhöffer, J. H., Freitas, B. M., Ghazoul, J., Greenleaf, S., Hipólito, J., Holzschuh, A., Howlett, B., Isaacs, R., Javorek, S. K., Kennedy, C. M., Krewenka, K., Krishnan, S., Mandelik, Y., Mayfield, M. M., Motzke, I., Munyuli, T., Nault, B. A., Otieno, M., Petersen, J., Pisanty, G., Potts, S. G., Rader, R., Ricketts, T. H., Rundlöf, M., Seymour, C. L., Schüepp, C., Szentgyörgyi, H., Taki, H., Tscharntke, T., Vergara, C. H., Viana, B. F., Wanger, T. C., Westphal, C., Williams, N., & Klein, A. M. (2013). Wild pollinators enhance fruit set of crops regardless of honey bee abundance. Science, 339, 1608–1611. doi:10.1126/science.1230200 ↩

Liebes Immelieb-Team,
gibt es Vergleichsstudien wieviele Tiere sich von unseren Honigbienen ernähren, deren Population aufgrund fehlenden Futters ansonsten stark eingeschränkt wäre? Ich denke da an Hornissen, Wespen und nicht zu vergessen, die vielen Vogelarten, die sehr gerne in der Nähe von Honigbienenvölkern nisten.
Liebe Grüße
Vielen Dank für den sehr guten Hinweis. Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, der in der Debatte oft zu kurz kommt: Honigbienen sind nicht nur Bestäuber und Nutzer von Nektar und Pollen, sondern selbst Teil des Nahrungsnetzes. Sie werden unter anderem von Hornissen, Wespen, Spinnen, Ameisen, Käfern, Wanzen, Vögeln und vielen Destruenten genutzt.
Direkte Vergleichsstudien nach dem Muster „Wie stark wären die Populationen dieser Tiere ohne Honigbienenvölker eingeschränkt?“ sind mir nicht in belastbarer Form bekannt. Es gibt durchaus Studien zur Beutezusammensetzung einzelner Arten, etwa beim Bienenfresser oder bei Hornissen. Das zeigt aber zunächst nur, dass Honigbienen gefressen werden. Um wirklich zu belegen, dass Honigbienenvölker die Populationen dieser Prädatoren messbar stützen, bräuchte man Studien zu Bruterfolg, Überleben, Reproduktion oder Populationsdichte entlang eines Gradienten von Honigbienendichte. Solche Nachweise sind deutlich schwieriger.
Man kann sich der Größenordnung aber näherungsweise über die natürliche Hintergrundmortalität nähern. Die EFSA hat 2020 eine systematische Übersicht zur Hintergrundmortalität von Bienen veröffentlicht. Für adulte Honigbienen-Arbeiterinnen in der aktiven Saison liegen zentrale Werte ungefähr bei 3,5–4 % täglicher Mortalität; bei Flugbienen ist die tägliche Mortalität noch höher. Quelle: EFSA Supporting Publication 2020:EN-1880, DOI: https://doi.org/10.2903/sp.efsa.2020.EN-1880
Wenn man für ein durchschnittliches Wirtschaftsvolk grob 25.000–30.000 adulte Bienen ansetzt und mit etwa 3,6–3,7 % täglicher Hintergrundmortalität rechnet, sterben in der aktiven Saison etwa 900–1.100 Arbeiterinnen pro Volk und Tag. Bei etwa 0,1 g Frischgewicht pro Biene entspricht das ungefähr 90–110 g Insektenbiomasse pro Volk und Tag.
Über eine aktive Saison von rund 240 Tagen wären das grob 22–27 kg Honigbienen-Frischbiomasse pro Volk und Jahr. Das ist keine exakte Ökosystembilanz, aber eine plausible Größenordnung.
Laut FAO-Schätzungen, zusammengefasst bei Destatis, gab es 2024 weltweit etwa 101,7 Millionen Honigbienenvölker, davon etwa 25,4 Millionen in Europa: https://www.destatis.de/EN/Themes/Countries-Regions/International-Statistics/Data-Topic/AgricultureForestryFisheries/Bees.html
Überträgt man die oben genannte grobe Spanne darauf, ergeben sich rein rechnerisch folgende Größenordnungen:
Europa: etwa 0,56–0,69 Millionen Tonnen Honigbienen-Frischbiomasse pro Jahr.
Weltweit: etwa 2,2–2,8 Millionen Tonnen Honigbienen-Frischbiomasse pro Jahr.
Diese Biomasse liegt natürlich nicht vollständig konzentriert am Bienenstand vor. Viele Flugbienen sterben verteilt in der Landschaft. Aber ökologisch verschwindet sie nicht. Sie geht in das Nahrungsnetz und den Destruentenpfad ein.
Für die Bewertung ist deshalb beides richtig: Honigbienen können lokal mit Wildbienen um Nektar und Pollen konkurrieren, besonders bei hohen Völkerdichten und begrenztem Blütenangebot. Gleichzeitig sind Honigbienen selbst Nahrung für viele andere Organismen. Eine faire ökologische Betrachtung sollte daher nicht nur einen einzelnen Wirkpfad betrachten, sondern die Honigbiene als Teil eines komplexen Nahrungsnetzes verstehen.